Wer ist hier der Profi?

von Redaktion

Der Münchner Tennistrainer Nic Marschand will wieder auf den Platz

VON DANIEL MÜKSCH

München – Wolkenfreier Himmel, 20 Grad, strahlender Sonnenschein: Für alle Tennisspieler sind die Corona-Wochen eine besonders harte Prüfung. Der April ist normalerweise der Monat, in dem sich der Sport aus der Halle wieder ins Freie bewegt, die Anlagen und Clubs aus dem Winterschlaf erwachen.

Dieses Jahr hat Covid-19 diese Frühlingsgefühle geschluckt, wofür am Anfang so gut wie jeder Tennisspieler und Funktionär Verständnis zeigte – selbst wenn die Sperrung der Anlagen für die über 20 000 Tennislehrer im Land einem Berufsverbot gleicht. Die Gesundheit geht vor und in der Pandemie leistet jeder seinen Beitrag. Doch inzwischen ist das Verständnis Geschichte. Die Szene rebelliert.

Es geht um die Fragen, wer jetzt wieder aus welchen Gründen auf einem Platz spielen beziehungsweise trainieren darf und wer nicht. Und um die Definition: Was ist eigentlich ein „Tennis-Profi“?

Bei Cedric-Marcel Stebe ist der Fall eindeutig: Der 29-Jährige bestreitet seinen Lebensunterhalt ausschließlich mit Aufschlag, Return und Vorhand. Ein Vollprofi. Seit gut einer Woche darf der Linkshänder wieder auf der Tennisbase in Oberhaching trainieren – dank einer Sondergenehmigung der Staatskanzlei und nur mit genauen Hygienevorschriften.

Diese Möglichkeit will Nic Marschand der aktuellen Nummer 133 der Weltrangliste auch nicht nehmen. Er versteht nur nicht, warum die Erlaubnis von der Politik nicht weiter gefasst wurde: „Ich bin genauso ein Tennisprofi. Das heißt: Ich verdiene mein Geld mit dem Tennis. Ich kann nur für meinen Lebensunterhalt sorgen, wenn ich oder einer meiner Trainer auf dem Platz stehen“, prangert der Ex-Trainer von Michael Stich und Barbara Rittner die Ungleichbehandlung der Politik an.

Die Maßnahmen sind für ihn nicht nachvollziehbar. „Ein Platz umfasst 630 Quadratmeter. Wir könnten problemlos einen Rahmen mit genügend Abstand und Desinfektionsmöglichkeiten schaffen. Vor allem können wir aber jetzt auch draußen trainieren und nicht in einer stickigen Halle,“, sagt er auch im Namen der internationalen Trainervereinigung PTCA, zu deren Vorstand er gehört. Marschand ist nicht alleine. Der Deutsche Tennis Bund hat einen Brief an das Bundeskanzleramt, Regierungsvertreter, Landesregierungen und die zuständigen Gesundheitsministerien verschickt, mit einem Sieben-Punkte-Plan und dem dringenden Appell, die Tennisanlagen unter Auflagen wieder zu öffnen.

Positive Signale erreichen Marschand und seine deutschen Kollegen aus Österreich. Hier dürfen die Anlagen auch für den Breitensport am 1. Mai wieder öffnen. Die Regeln dafür werden noch diskutiert, so könnte es sein, dass ein Spieler immer nur mit seinen eigenen – markierten – Bällen aufschlagen darf. Profis und „Amateure“ stehen dann wieder auf einer Stufe.

Für Marschand macht der deutsche Weg, nur Weltranglistenspielern die Türen aufzuschließen, grundsätzlich wenig Sinn. Der 62-Jährige warnt: „Es ist völlig offen, wann diese Profis wieder um Preisgeld bei Turnieren aufschlagen. Das wird jedoch bestimmt noch Monate dauern. Die Tausenden Tennistrainer könnten jedoch sofort wieder ihrem Beruf nachgehen und Geld verdienen. Jeder Tag, an dem das nicht möglich ist, gefährdet Existenzen.“

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