Als wäre er Verschwörungstheoretiker

von Redaktion

Verstörender TV-Auftritt von Jens Lehmann, der jetzt 20 000 Zuschauer in die Allianz Arena lassen würde

München – In seinen goldenen Torwart-Zeiten beim FC Arsenal wurden T-Shirts produziert, die Jens Lehmann auf die ironische englische Art feierten: als „Mad Jens“, den auf dem Platz verrückten Spieler. Einer, der alles tut, um zu gewinnen, und sich selbst dabei nicht schont. Ein Monster an Hingabe und Willen. Außerhalb des Platzes, so fanden vor allem deutsche Journalisten damals, ums Jahr 2005 herum, sei dieser Jens Lehmann aber kein bisschen verrückt, sondern angenehm rational, eloquent und höflich – das Gegenprogramm zu seinem Rivalen Oliver Kahn, der auch im richtigen Leben so bissig agierte wie im Tor.

15 Jahre später hat sich die Wahrnehmung der beiden Nummer-eins-Anwärter in der Nationalmannschaft grundlegend verändert. Aus Oliver Kahn ist ein verbindlicher Unternehmer geworden, und seinen neuen Job im Vorstand des FC Bayern verrichtet er ohne das Rumoren, das ihn in der Zeit als Spieler begleitet hatte. Jens Lehmann indes: Er hatte einen Verbleib im Fußball angestrebt, machte Trainerscheine und wurde bei Sky und dann RTL ein guter Experte – doch findet keine dauerhafte Aufgabe. Die merkwürdige Verpflichtung als Co-Trainer 2019 beim FC Augsburg – nach ein paar Wochen revidiert, sie hatte dem Verein nichts gebracht. Lehmann sagte danach, für ihn käme nun wirklich nur noch eine Cheftrainerrolle in Frage.

Die ist weit weg. Die Öffentlichkeit konnte Jens Lehmann nun am Sonntag aber mal wieder im Fernsehen treffen. Der 50-Jährige war Stargast im „Doppelpass“ von Sport1 – und trat in der unausweichlichen Corona-Diskussion auf wie ein Verschwörungstheoretiker. Er glaube, „dass wir sowohl von Politikern als auch Virologen nicht so genau Bescheid bekommen, wie es sich eigentlich um das Virus verhält“. Jedenfalls habe ihn noch niemand aufklären können, warum es nicht möglich sei, in ein Stadion wie die Allianz Arena 20 000 Zuschauer zu packen. Man könne zehn Meter Abstand halten und würde sich „nicht in die Quere kommen“.

Eine reichlich verwegene Ansicht, im Stadion mit den steilsten Rängen Europas und daraus resultierender (wegen der Atmosphäre und der Nähe zum Spielfeld gewollter) Enge jeden dritten bis vierten Platz besetzen zu wollen. Und würden die Besucher bei der Anreise zur Arena, in den Toiletten und Treppenauf- und abgängen kontaktlos bleiben? In den sozialen Medien. die Lehmann einst als Zeitverschwendung verurteilte, sie mittlerweile aber selbst intensiv bedient, flog ihm die Kritik nur so um die Ohren.

Am Samstag noch, einen Tag zuvor, war er besser gewesen. Da zeigte die ARD die Wiederholung des WM-Viertelfinales 2006 gegen Argentinien. Mad Jens hielt zwei Elfmeter und war der Matchwinner. GÜNTER KLEIN

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