München – Er ist immer noch bekannt als der Mann, der 1972 in München das Olympische Feuer entzündete. Heute ist Günther Zahn 66 und ein renommierter Lauftrainer, seine Schützlinge von der LG Passau zählen zu den besten Langstrecklern in Deutschland. Ein Gespräch über Laufen in Zeiten der Corona-Krise.
Herr Zahn, wohin man schaut seit einigen Wochen: Läuferinnen und Läufer. Laufen, so scheint es, ist der Sport 2020.
Das ist richtig. Wir wohnen etwas außerhalb von Passau, am Donau-Radweg, und da sind Massen unterwegs, wie man sie noch nie laufen gesehen hat. Jedes Alter – von ganz klein bis ganz alt.
Und Leute, denen man ansieht, dass sie noch nicht so lange oder seit einer Ewigkeit mal wieder laufen?
Das sieht man bei manchen an den Schuhen. Sie haben die alten Bundeswehrschlappen wieder rausgeholt, aus der Zeit, in der man noch eingezogen wurde. Und die Bekleidung: Es sind viele Fußballtrikots dabei – nicht nur von Bundesliga-, sondern auch von Vereinen aus der Gegend.
Schön für die Hobbylaufbewegung – doch für Sie als Trainer und Ihre Schützlinge geht es ja auch um das Streben nach Leistung, nach Zeiten.
Läuferinnen und Läufer brauchen Ziele, dafür stellt man Wettkampf- und Trainingspläne auf. Die Älteren wie Susanne und Tobias Schreindl motivieren sich selbst, doch die Jüngeren muss man schon bei Laune halten.
Wie gestaltet sich das Training derzeit?
Ich füttere die Athleten mit Infos, die es gibt, und mit Motivationssachen und gebe die grundlegenden Sachen, ein, zwei Kerneinheiten die Woche, vor – schriftlich oder per WhatsApp. Einer aus unserem Verein bietet eine Stunde Athletiktraining per Video an. Viele machen auch Alternativ-Einheiten wie Rad- oder Inlinefahren.
Jeder für sich allein?
Ich denke, die halten es genau ein. Bei den 15-, 16-Jährigen ist jetzt sicher mal die Mama oder die Schwester auf dem Rad nebenhergefahren, das ist ja erlaubt. Und ein Lichtblick ist, dass seit dieser Woche eine Person dabei sein darf, die nicht dem Hausstand angehört.
Thema Informationen: Die Virologen raten zu einem Grundabstand von zwei Metern, der würde im Freien zwischen Joggern reichen. Doch nun gibt es auch eine Studie von Gebäudephysikern und Aerodynamikern in Belgien und den Niederlanden, die warnt, zwei Meter seien zu wenig. Zwar bewegt sich der Läufer weiter, doch die von ihm ausgestoßene Atemwolke bleibe stehen.
Ich habe davon gelesen. doch die Studie wurde im Windkanal angefertigt, und da ist die Frage, ob man das für draußen umsetzen kann, wo es ja auch Winde von der Seite gibt. Grundsätzlich ist das mit dem Abstand schwierig, weil viele Wege, auf denen Läufer sich bewegen, oft nur zwei Meter breit sind. Was für uns gerade wichtig ist: Wir laufen nicht so schnell. Das Immunsystem muss intakt bleiben, nach einem 30-Kilometer-Tempodauerlauf, wie man ihn in der Marathon-Vorbereitung einige Male im Plan stehen hat, wäre man erledigt und am Boden. Wir machen derzeit also Grundlagentraining.
Welche Wettkämpfe sind schon entfallen, bei denen Ihre Leute am Start gewesen wären?
Nächste Woche wären in Hannover Deutsche Marathon-Meisterschaften gewesen. Wir waren mit der Mannschaft der Männer Titelverteidiger. Die Deutschen Crossmeisterschaften fallen ebenfalls aus, danach wäre es unmittelbar in die Straßenlaufsaison übergegangen. Im Juni wären wir bei der Deutschen über die 10 000 Meter vertreten gewesen und bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften im Juli in Braunschweig mit drei Frauen und mit Tobias Schreindl über 5000 Meter.
Viele der Frühjahrsläufe wurden auf den Herbst verlegt, da ballt es sich dann. Auch nicht optimal.
Im September und Oktober werden zahlreiche Straßenläufe stattfinden, da nehmen sich die Veranstalter dann gegenseitig die Starter weg. Da finde ich es besser, wenn wie im Fall von Hannover der Lauf für dieses Jahr eben ausfällt. Der Sport steht an zweiter Stelle, hinter der Gesundheit, und ob ein Lauf am 10. September nun stattfindet oder nicht, ist letztlich zweitrangig. Dann haben wir halt mal ein Jahr, in dem weniger los ist.
Das Laufen läuft einem nicht davon?
So ist es. Wir als Läufer haben das Glück, dass wir rauskönnen. Wenn ich in der Leichtathletik an die Sprinter und Werfer denke, die ihre Anlagen brauchen, die nun aber geschlossen sind. . . Okay, die joggen jetzt auch, tut ihnen mal ganz gut.
Für viele Passauer Läufer ist der München Marathon im Oktober der Saisonhöhepunkt.
Gernot Weigl, dem Veranstalter, drücke ich die Daumen, dass sein Lauf stattfindet. Über die Feiertage gab es den von ihm initiierten Ostermarathon, wo jeder für sich über mehrere Etappen die 42 Kilometer zusammenlaufen konnte – das haben unsere Athleten, auch die Hobbyläufer, begleitet, das hat allen gut gefallen. Und ich werde mich dafür einsetzen, dass wir dieses Jahr mit noch mehr Leuten aus dem ostbayerischen Raum und aus Österreich in München teilnehmen.
Interview: Günter Klein