Ein Hauch von Alltag

von Redaktion

Bayerns Reaktion auf Neuers Wut-Interview: Optimismus für eine Einigung

VON HANNA RAIF

München – Die Gruppenstärke im Teamtraining des FC Bayern wurde gestern vergrößert. Nicht mehr fünf, sondern jeweils sieben Profis dürfen also von nun an gemeinsam schuften, wenn sie die Corona-Regeln – keine Zweikämpfe, kein Handschlag, Sicherheitsabstand – einhalten. Der nächste Schritt zum richtigen Training soll diese Maßnahme sein, die für alle Grüppchen gilt, außer für die Torhüter. Manuel Neuer. Sven Ulreich, Ron-Thorben Hoffmann und Christian Früchtl bleiben freilich unter sich.

Der erste Arbeitstag „danach“ war für Neuer sportlich also so, wie die letzten „davor“. Streng reglementiert, professionell, fokussiert. Und trotzdem steht der 34-Jährige, dessen Vertragsverhandlungen auch in der Kabine ein Thema waren, seit dem Wochenende doch mehr im Rampenlicht, als es ein Kapitän des deutschen Branchenführers sowieso schon tut. Gestern also wartete man lange darauf, ob die Bayern reagieren, den öffentlichen Weg suchen, um die von Neuer geäußerten Vorwürfe – Maulwurf in der Chefetage, Indiskretion, mangelnde Wertschätzung – zu kommentieren. Intern hatte man sich darauf verständigt, das Ganze am Sonntag sacken zu lassen und zu Wochenbeginn zu diskutieren. Das Ergebnis: Warme Worte von Karl-Heinz Rummenigge. „Ich bin überzeugt, dass wir bei einem Spieler wie Manuel Neuer am Ende des Tages auch eine für beide Seiten glückliche Lösung finden werden“, sagte der Vorstandsboss am Abend bei „Bild live“ und fügte an: „Ich glaube, wir wissen beide, was wir aneinander haben.“

Das Verhältnis war jüngst erschüttert worden. Tatsächlich kursieren über das Leck an der Säbener Straße verschiedene Theorien. Sie reichen von den seitens Neuer-Berater Thomas Kroth direkt erwähnten Verhandlungspartnern Hasan Salihamidzic und Oliver Kahn bis hin zu Aufsichtsratsmitgliedern und guten Bekannten der Springer-Presse, in der sowohl die als „schlichtweg falsch“ titulierten Zahlen (Fünfjahresvertrag, 20 Millionen Euro Gehalt) als auch das brisante Neuer-Interview veröffentlicht wurden. Die einen sagen so, die anderen sagen so – aber das ist in diesem Fall längst zweitrangig. Es geht darum, eine neue Basis zu schaffen. Zumal Neuer keine echte Option auf einen Wechsel hat. Womöglich Chelsea, aber sonst weder ein englischer Gigant noch Real oder Barcelona haben Bedarf auf der Torhüter-Position. Auch Paris St. Germain und Juventus Turin suchen nicht akut.

„Win-Win-Situation“, das ist ja das, was Neuer in München vorschwebt. Und wie diese auszusehen hat, hat der Weltmeister mit Kroth bereits im vergangenen Jahr beratschlagt. Kroth, von Neuers Vater verpflichtet, als der Sohnemann 17 Jahre alt war, hat mit seinem prominentesten Klienten Ziele definiert, sportlich und persönlich, die Rahmendaten sind seitdem fixiert. Neuer gab in der „BamS“ an, nicht persönlich am Verhandlungstisch zu sitzen, ist aber über die jüngsten Entwicklungen stets informiert. Kontakt mit Kroth besteht wöchentlich, die Bayern-Bosse sind auf dem Gelände zugegen und immer wieder im Austausch mit Neuer. So ganz überraschend kam der Rundumschlag übrigens auch für sie nicht.

„Okay“ ist das Wort, das im Zusammenhang mit den Gesprächen bis zur letzten Woche oft gewählt wurde. Von einer schnellen Einigung ist dennoch niemand ausgegangen, weil das komplizierte Geflecht wohl durchdacht sein muss. Eine Option, die bei sogenannten Rentenverträgen gerne gewählt wird, ist eine die automatische Verlängerung der Laufzeit bei einer bestimmten Anzahl von Spielen in der Vorsaison. Dazu passt Neuers Aussage, dass es „utopisch“ sei, mit 34 zu wissen, wie es mit 39 um seine Fitness bestellt sei.

Kroth ist in der Branche nicht dafür bekannt, bis zum letzten Euro zu feilschen, die Bayern schätzen den 60 Jahre alten Industriekaufmann für seine Verhandlungstaktik. Trotzdem ist das Doppelpass-Interview mit Neuer nicht das erste Mal, dass er ihnen seine Meinung geigt. 2019 bereits stellte Kroth in der „SZ“ die internationale Konkurrenzfähigkeit des FC Bayern infrage. Neun Monate ist das her, es war so etwa wie der Startschuss für die Verhandlungen, die sich ziehen – bei denen aber trotzdem jeder an ein Happy End glaubt. Warme Worte sind ein Anfang.

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