München – Marcus Burghardt (36) vom bayerischen Radrennstall Bora-hansgrohe ist mit elf Teilnahmen an der Tour de France Rekordhalter im Fahrer-Feld. Er hat also schon viel erlebt. Die aktuelle Vorbereitung auf diesjährige Frankreich-Rundfahrt in Zeiten der Corona-Pandemie ist aber freilich auch für ihn Neuland.
Herr Burghardt, aktuell sieht es ganz danach aus, als ob Sie zum zwölften Mal bei der Tour de France an den Start gehen – auch wenn sie verschoben wird.
Ja, hoffentlich! Dass man die Tour nach hinten schiebt, ist die beste Lösung, denke ich. So kann man allen Fahrern wenigstens die Möglichkeit geben, sich unter den gleichen Umständen auf die Tour vorzubereiten. Hätte man am ursprünglichen Starttermin festgehalten, wäre das aus rein sportlicher Sicht ja auch gegenüber den Fahrern ungerecht gewesen, die seit Wochen nur unter häuslicher Quarantäne trainieren dürfen, wie z.B. die Italiener, Spanier oder Franzosen.
Sind Sie überrascht, dass die Tour so weit nach hinten verschoben wurde?
Dass es erst Ende August losgeht, hätte ich mir nicht gedacht. Aber es ist die richtige Entscheidung, um auch dem ganzen Land noch ausreichend Ruhe zu geben. Generell finde ich es wichtig, dass die Tour nur dann gestartet wird, wenn es nicht mehr gefährlich ist. Nicht nur für uns Fahrer, sondern auch für das Teampersonal und die Zuschauer.
Wie stehen Sie zu einer möglichen Geistertour?
Wenn ich ein Sponsor wäre, würde ich auch sagen: Lieber findet die Tour ohne Zuschauer statt als gar nicht. Für uns Fahrer wäre eine Tour ohne Zuschauer nicht das, was es eigentlich ist.
Was ändert sich für Sie jetzt in der Vorbereitung? Mit der Tour haben Sie immerhin wieder ein Ziel
Klar, es verschiebt sich alles nach hinten. Ich weiß aber nicht, ob die Tour wirklich das erste Rennen nach der Corona-Pause sein wird. Vielleicht gibt es davor schon ein paar Eintagesrennen, das muss man jetzt erst einmal absehen. Aber klar, wenigstens haben wir die Tour jetzt als Ziel, auf das wir uns mit Trainingslager und Training zu Hause vorbereiten können.
Hätten Sie gerne noch Rennkilometer vor der Tour?
Ich brauche das nicht unbedingt und habe in der Vergangenheit schon häufiger gezeigt, dass ich mit wenigen Rennkilometern sehr gut fahren kann. Ich habe für mich gemerkt, dass ich mich so belasten und vorbereiten kann, dass ich sofort im Rennen meine Leistung abrufen kann.
Das Ziel von Bora-hansgrohe ist klar: Mit Emanuel Buchmann aufs Podium fahren. Muss es nach der schwierigen Vorbereitung neu definiert werden?
Nein, ein Ziel braucht man ja immer – und nach den Leistungen im letzten Jahr ist es auch das richtige Ziel, das Podium anzupeilen. Das ist auch realistisch.
Ist Buchmann bereit?
Er ist im besten Alter – und in den nächsten Jahren kann er die Top-Leistungen abrufen. Ob es für den Gesamtsieg reicht, weiß ich nicht. Aber wenn du Tour-Vierter wirst und nur knapp am dritten Rang vorbei schrammst, hast du auf jeden Fall Potenzial.
Buchmann ist sein Tour-Startplatz zugesichert worden. Ihnen auch?
Zugesichert nicht, nein. Ich glaube, dass Emu (Buchmann/d.Red.) als einziger Fahrer gesetzt ist und vielleicht Peter Sagan noch. Alle anderen müssen sich gut vorbereiten. Für mich ist es kein Druck. Ich weiß, dass ich dem Team viel geben kann und stets ein wichtiger Baustein war.
Interview: Manuel Bonke