Wasserburg – Der Mann am Telefon stellte sich als „Derek Fisher“ vor. Und weil dieser Wirbelsturm an magischen Momenten Samstagnacht irgendwann nach 2 Uhr für viel Verwirrung in Leonie Fiebichs Kopf gesorgt hatte, sprach sie für ein paar Minuten „mit irgendeinem Derek Fisher“, ihrem neuen Basketball-Trainer in Los Angeles. Einen klaren Satz in Englisch bekam sie nicht heraus. Aber das war auch ein bisschen viel verlangt nach einer Nacht, in der die Emotionen mit ihr Jive tanzten. Als das Adrenalin verflossen war, befragte sie eine Suchmaschine nach Derek Fisher und fand heraus: „Oh Shit, das ist der Derek Fisher.“ Fünf Mal Meister mit den Los Angeles Lakers, treuer Kammerdiener von Kobe Bryant – und ja, seit 2018 auch Coach der Los Angeles Sparks, des Basketball-Frauenteams aus der Stadt der Engel. Willkommen in Los Angeles.
In der Nacht auf Samstag verteilte die Frauenliga WNBA die besten Jugendspielerinnen auf ihre zwölf Clubs. Diese Talentschau nennen die Amerikaner Draft. Die Dallas Wings wählten die Berlinerin Satou Sabally an Position zwei. Einige preisen sie bereits als die Zukunft des deutschen Frauenbasketballs an. Fiebich hält sie für „ein Ausnahme-Talent“. Die Draft-Analysten – ihr Job ein Handwerk für sich – sagten für Luisa Geiselsöder aus Nördlingen Platz 21 (auch Dallas) voraus. So kam es. Freundin Fiebich rastete in ihrer Wohnung in Wasserburg dermaßen aus, dass sie ihren eigenen Namen, verkündet an der 22. Stelle, überhörte. Nationalspielerin Svenja Brunckhorst und ihre Wasserburger Trainerin Sidney Parsons sprangen neben ihr vom Sofa auf.
Die 1,92 m große Fiebich, die in den letzten zwei Jahren für den Bundesligisten TSV 1880 Wasserburg spielte, sagt über die Szene: „Ich war superüberrascht und geflasht und überfordert.“ Einen Platz in Draft-Runde zwei hatte doch keiner prognostiziert. Von Außenseiterchancen hatten sie gesprochen. Motto: Sei froh, überhaupt gezogen zu werden.
Die in Landsberg geborene Fiebich ist erst 20, fast zwei Jahre jünger als Sabally und die anderen Top-Spielerinnen. Sie hat sich in diesem jungen Alter bereits zweimal das Kreuzband gerissen, eine gewaltige Hypothek im Roulette der Talente. Vier Vereine interessierten sich für die Flügelspielerin, die auf dem Basketballfeld alles ein bisschen kann. Aus New York hörte sie: „Wir wollen dich, können nichts versprechen.“ Atlanta garantierte: „Wir ziehen dich, wissen nur nicht wann.“ Los Angeles meldete sich gar nicht. „L.A. war am unwahrscheinlichsten.“
Die Sparks sehen Fiebich, die zwei Jahre als Zukunftsinvestment. Sie haben genug Stars und Oldies. Im Trainingscamp muss der Deutschen vieles gelingen, um überhaupt in den Kader zu kommen. Sie braucht Glück. „Es wird sehr hart.“ Fiebichs kleiner Vorteil: Die Stars spielen auf den anderen Positionen. Niemand verlangt von Fiebich, dass sie es im ersten Jahr in die Eliteliga schafft. Bisher haben sowieso nur drei Deutsche in der WNBA gespielt. Marie Güllich, die bislang letzte, steht auch in Los Angeles unter Vertrag. Beide telefonieren regelmäßig.
Mit Güllich hat sie eine Fremdenführerin gefunden, die es im Kosmos von L.A. braucht. Die Sparks gleichen einem Ableger der Lakers. Bei Heimspielen im Staples Center, in dem auch die Lakers und Clippers spielen, schauen 10 000 Fans und immer auch Legende Magic Johnson zu. Candace Parker, Superstar der Sparks, moderiert einen NBA-Podcast. Chiney Ogwumike, noch eine von Fiebichs künftigen Kolleginnen, arbeitet für den Fernsehsender ESPN.
Die NBA unternimmt alles, um Frauenbasketball zu fördern. Am Freitag berichtete man im US-Sport über nichts anderes als den WNBA-Draft und Wunderkind Sabrina Ionescu. Das war natürlich der Corona-Dürre geschuldet. Trotzdem: Solch ein Interesse für Frauenbasketball in den Staaten hat es davor nicht gegeben.
Auch der Sport in Deutschland, am äußersten Ende der Randsportarten angesiedelt, will profitieren. „In der Jugend hattest du niemanden, zu dem du hochguckst“, sagt Fiebich. Deshalb eiferte sie Dirk Nowitzki nach. Wenn sie bei Steckbriefen nach einem sportlichen Ziel gefragt wurde, wollte sie immer die NBA, also die Männerliga, angeben. „Aber das ging ja nicht.“
Mit Sabally, Geiselsöder und Fiebich wachsen drei potenzielle Stars heran. Die vierte dürfte folgen. Emily Bessoir (18) aus München ist Europas größtes Juwel im Jahrgang 2001. Im Herbst wechselt sie an die University of California in Los Angeles. Sie hat Fiebich, ihrer Freundin, gratuliert und gesagt: „Irgendwann spielen wir gemeinsam in der WNBA.“ ANDREAS MAYR