Der Sportdirektor ist eine Sportdirektorin

von Redaktion

In der Macho-Branche Eishockey spricht man über eine bemerkenswerte Personalie beim größten Club Europas

VON GÜNTER KLEIN

München – Mit Terminen ist es gerade ganz schlecht. Wer anfragt, wird vertröstet auf „vielleicht Spätsommer“. DieInterviewwünsche an Florence Schelling kommen aus allen Eishockey-Kulturen, so gefragt ist sie. Aber sie will ja auch mal mit der eigentlichen Arbeit anfangen. Und außerdem ist sie gesundheitlich noch immer eingeschränkt. Sie hat regelmäßig Reha, sie soll sich nur halbtags mit Bürokram am Bildschirm beschäftigen. Trotzdem hat sie diesen Job angenommen, von dem man bisher sagte, er fordere den ganzen Mann. Dass er nun die ganze Frau fordert, erhöht die Aufmerksamkeit für diese Personalie. Florence Schelling ist die neue Sportdirektorin beim SC Bern, beim größten Eishockeyclub in Europa.

Florence Schelling ist 31, sie war die beste Eishockeyspielerin, die die Schweiz hatte. Der Höhepunkt ihrer Laufbahn: zweimal Platz drei. Bei der WM 2012, bei den Olympischen Spielen 2014. Da wurde sie, die Schweizer Torhüterin, als beste Spielerin des Turniers in Sotschi ausgezeichnet. Man kennt sie in der Schweiz, sie ist da durchaus eine Celebrity – ein Status, der Eishockeyspielerinnen aus Deutschland verwehrt bleibt, auch wenn manche von ihnen sich auch schon in die Männerwelt gewagt haben: Viona Harrer war Torhüterin bei Bad Tölz in der 2. Liga, Maren Valenti, eine später an Multipler Sklerose erkrankte Stürmerin, durfte – gut, da ging es auch um PR – ein Testspiel mit den Eisbären Berlin bestreiten.

Für Florence Schelling wurde die Schweiz zu klein – sie spielte in Schweden, in den USA, wo sie auch studierte und mit einem Business-Master heimkehrte. 2018 hörte sie auf, ging zu einer Unternehmensberatung und arbeitete nebenher fürs Fernsehen als Expertin – was in der Schweiz auch ohne das Murren, das es hierzulande gäbe, akzeptiert wurde,

Nach der Spielerinnenkarriere ereignet sich aber der zweite Teil der Geschichte, warum die Berufung zum SC Bern trotz ihrer Expertise überrascht hat. Im Februar 2019 hatte Florence Schelling einen schweren Skiunfall in Davos. Sie stürzte, weil sie mit den Stöcken in einer Schneeverwehung stecken blieb, der Helikopter musste kommen und sie ins Krankenhaus nach Chur fliegen. Der sechste Halswirbel war gebrochen. „Ich hätte auch gelähmt sein können.“ Wochenlang konnte sie nur daliegen und an die Decke starren. Sie hatte sich neben dem Bruch auch eine Gehirnerschütterung zugezogen, daher ist sie eigentlich noch in der Phase der Wiedereingliederung ins Berufsleben. SMS tippen, sagte sie in einem der ersten Interviews in der Schweiz, sei immer noch fehlerbehaftet.

Und nun zum SC Bern. Was für ein Club! Immer führend, wenn die Liste der Zuschauermagneten im europäischen Eishockey veröffentlicht wird, seit 2002 gab es keinen anderen Sieger in dieser Wertung. Aus dem Allmend-Stadion mit dem imposanten Stehwall, der an die Fußball-Südtribüne in Dortmund erinnert, wurde die bequeme Post-Finance-Arena mit immer noch über 17 000 Plätzen, die Auslastung beträgt über 95 Prozent. Der SC Bern wandelte sich zur Aktiengesellschaft, und weil er sein Stadion für Konferenzen vermarktet und rund um Bern ein Gastronomie-Imperium aufgebaut hat, erwirtschaftet er pro Jahr an die 50 Millionen Euro. Zum Vergleich: Adler Mannheim und EHC München kommen trotz ihrer reichen Besitzer auf etwa ein Drittel.

Normal ist, dass ein solcher Verein sich eine Mannschaft leisten kann, die um den Titel mitspielt, 2017, 18 und 19 hat der SC die Schweizer Meisterschaften Nummer 16 bis 18 seiner Historie eingefahren – aber 2020 erfolgte der Absturz: Platz neun nach der Hauptrunde, die die Schweizer National League gerade noch zu Ende gebracht hatte (mit Geisterspielen). In den Playoffs, die dann ausfielen, wäre Bern nicht dabei gewesen.

Ohne Konsequenzen blieb das nicht. Erfolgstrainer Kari Jalonen wurde entlassen, die Mannschaft, der zuletzt auch der deutsche Ex-Nationalspieler Justin Krueger angehörte, steht auf dem Prüfstand. Das Team neu zu strukturieren ist die Aufgabe des Sportdirektors. Der – eine Sensation in der Machobranche Eishockey mit all ihren Verbrüderungen und Netzwerken – eine Sportdirektorin ist. Florence Schelling kündigt an: „Männer führt man, wie man andere Menschen auch führt.“ Die erste klare Botschaft.

Artikel 7 von 11