München – Er galt als einer der talentiertesten Spieler seiner Generation auf der Welt. Grand-Slam-Siege wurden ihm vorausgesagt. Am Ende reichte es für Nicolas Kiefer für Platz vier der Weltrangliste und sechs ATP-Titel. Eine stolze Bilanz. Aber nicht die historische Karriere, die dem Tennisspieler vorausgesagt wurde. „Der Unvollendete“ lautet zumeist die Überschrift, wenn die sportliche Bilanz des Ex-Profis thematisiert wird.
In den letzten Wochen hat Kiefer aber bewiesen, dass er sein Leben nicht nur über vergangene Erfolge oder Nicht-Erfolge definiert. Sondern dass er bereit ist, im Hier und Jetzt einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Seit Ende März vertreibt der Niedersachse Atemschutzmasken. Seit drei Jahren hat „Kiwi“ eine eigene Modemarke (kiwionlineshop.de), die zuletzt richtig Fahrt aufnimmt. Bis Covid-19 die Welt schockt. Wie der 42-Jährige dann zum Schutzmaskenvertreiber wurde, erklärt er im Interview.
Vor vier Wochen sind Sie in die Schutzmaskenproduktion eingestiegen. Ihr erstes Fazit?
Die Nachfrage hat meine kühnsten Erwartungen übertroffen. Derzeit könnte 24 Stunden am Stück produziert werden. Gestern war ich wieder in Kassel bei der Produktion vor Ort. Den Besuch hatte ich mit der Annahme geplant, dass es etwas ruhiger wird. Das Gegenteil ist der Fall.
Wie kam es überhaupt zu dem Projekt?
Seit 2018 habe ich mein eigenes Label – NK #kiwifash. Angelehnt an meinen Spitznamen. Ich bin leidenschaftlicher Golfspieler und wir wollten nach einer Freizeit- und Tenniskollektion gerade eine Golflinie auf den Markt bringen. Plötzlich kam das Coronavirus.
Und alle Pläne waren Makulatur.
Richtig. Geschäftsführer Holger Gartz kam dann auf mich zu und sagte: Wir müssen jetzt helfen. Ich war von der Idee sofort begeistert. Es ging mir darum, Holger zu unterstützen. Den Mund- und Nasenschutz, den er herstellt, vertreibe ich jetzt über meinen Onlineshop und schaffe Reichweite. Das mache ich sehr gerne, weil das Thema mehr als wichtig ist.
Die deutsche Bürokratie hat die Produktionsumstellung nicht erschwert?
Erstaunlicherweise nicht (lacht). Es ging sehr schnell. Es sind ja aber auch keine komplizierten Schnittmuster.
Die Preise sind in den letzten Wochen explodiert.
Weil es auf der ganzen Welt kaum noch Masken gibt. Und klar: Unsere Masken kosten auch bis zu 34,90 Euro. Dafür haben sie das Qualitätssiegel, sind auch „Made in Germany“ – genauer gesagt „Made in Kassel“. Es ist Handarbeit. Man kann sich die Masken individuell gestalten. Sie sind wiederverwendbar und können gewaschen werden. Daher finde ich den Preis fair.
Wie viele Masken können in Kassel am Tag hergestellt werden?
Anfangs 300 bis 500, momentan vierstellig. Tendenz stark steigend. Mit der Quantität können wir so mit der Konkurrenz aus China nicht mithalten. Uns geht es um Qualität.
Tragen Sie selber eine Maske?
Ja, sobald ich mich in der Öffentlichkeit bewege.
Inzwischen setzen alle Bundesländer auf die Pflicht. Das müsste ihr Geschäft weiter ankurbeln.
Sicherlich. Aber die Ausweitung war ja nur eine Frage der Zeit. Mich ärgert allerdings, dass kein Bürger mehr durchblickt, was in welchem Bundesland nun erlaubt ist oder nicht. Ich vermisse eine klare Linie der Politik.
Wie erleben Sie die letzten Tage?
Durch die uneinheitlichen Regelungen kommt eine allgemeine Unruhe auf. Noch halten sich die Meisten an die Vorgaben. Ich habe jedoch das Gefühl, die Zustimmung nimmt allmählich ab. Die Menschen sind verunsichert.
Uneinheitlich zeigt sich auch das Tennis.
Leider. Manche dürfen spielen, manche nicht. Mal ab dem 4. Mai. Mal ab dem 27. April. Das versteht doch kein Mensch. Gerade Tennis wäre mit ein paar Maßnahmen fast risikolos zu spielen. Stehen beide Spieler an der Grundlinie, herrscht sechs Meter Abstand zwischen den Personen. Aber die Politik kümmert sich lieber um König Fußball, weil er das finanziell bessere Geschäft verspricht.
Beim Laufen steht man sich auf den Füßen.
Die Leute sollen Sport machen. Das ist auch richtig. Aber was passiert? Jeder geht laufen und man rennt sich über den Haufen. Die Tennis – und Golfclubs bleiben dennoch geschlossen. Das kann ich nicht nachvollziehen.
Ihre Erklärung?
Da können nur Politiker am Werk sein, die noch nie Sport in ihrem Leben getrieben haben. Mit praktischer Handhabung hat das nichts zu tun.
Sie sind für den SCC Berlin bei den Herren 40 gemeldet. Letztes Jahr wurden sie mit dem Team Deutscher Meister. Glauben Sie, dass sie diese Saison noch aufschlagen?
Ich wünsche es mir. Wenn, aber wohl unter besonderen Bedingungen. Ich kann mir zum Beispiel vorstellen, dass nur Einzel gespielt werden und keine Doppel. Einige Vereine haben jedoch viele Ausländer in ihren Reihen. Die werden noch lange nicht nach Deutschland kommen dürfen.
Also doch keine Chance?
Warum sagt der DTB nicht: Dieses Jahr spielen wir nur mit komplett deutschen Teams. Darin sehe ich eine gute Alternative. Auch für die Bundesliga. Das wäre auch eine Chance für den deutschen Nachwuchs.
Glauben Sie, dass die Profi-Tour dieses Jahr noch fortgesetzt wird?
Sehr, sehr unwahrscheinlich. Das ist ein Weltzirkus. Dafür müssten global die Reisebeschränkungen aufgehoben sein. Die Fans kommen auch aus der ganzen Welt. Das kann nicht funktionieren. Tragisch, aber für mich nicht denkbar.
Wen trifft es am härtesten?
Die Top 50 bis 100 Spieler der Welt können das finanziell verkraften. Aber für die Spieler jenseits der Top 100 wäre das unglaublich hart. Im Tennis muss jeder alles selbst finanzieren, die Reisen, die Trainer- und Betreuerteams.
Gibt es auch Gewinner der Krise?
Wenn überhaupt, nur die Fans von Roger Federer. Durch die Pause kann Federer seine Knieverletzung auskurieren und nächstes Jahr ein weiteres Jahr bei den großen Turnieren spielen.