München – In der Nacht auf Freitag begann der NFL-Draft. Bis Sonntag wählen die 32 Teams der National Football League – mit einem Jahresumsatz von über 350 Millionen Euro pro Club die finanzstärkste Sportliga der Welt – ihre neuen Spieler aus den Universitäts-Mannschaften aus. Eigentlich war der Draft als gigantische Show in Las Vegas geplant, doch das Coronavirus machte das unmöglich. Also gaben und geben die Teams ihre Picks online ab. „Aufregend“, aber auch „sehr nervenaufreibend“ sei die Erfahrung, sagte NFL-Sprecherin Michelle McKenna. Und Dave Gettleman, General Manager der New York Giants, meinte: „Es ist nicht toll, es ist nicht perfekt, aber es ist okay.“
Die in der abgelaufenen Saison schlechtesten Clubs sind als Erste dran – diesmal an Nummer eins die Cincinnati Bengals. Sie angelten sich den heiß gehandelten Quarterback Joe Burrow. Der 23-Jährige von der Louisiana State University gilt als Supertalent und war haushoher Favorit auf den ersten Pick.
Die Uni-Spieler wurden zuvor gescoutet, ihre athletischen Fähigkeiten bei einem offiziellen Test gemessen. Dabei ging es um Hundertstelsekunden im Sprint, Kilogramm im Bankdrücken und Zentimeter im Hoch- und Weitsprung.
Ein Volltreffer im Draft kann die Geschichte eines Teams verändern – und damit wären wir bei Tom Brady. Der heute 42-jährige Quarterback führte seine New England Patriots zu sechs Super-Bowl-Siegen – Rekord für NFL-Spieler. In der kommenden Saison, die im Herbst beginnen soll, wird er seine Pässe für die Tampa Bay Buccaneers werfen.
Vor 20 Jahren stellte sich Brady dem Draft, dieser Talenteauswahl, die Leben verändern kann. Der gebürtige Kalifornier hatte an der für ihr gutes Sportprogramm bekannten University of Michigan gespielt und wurde zweimal in das All-Star-Team der Big Ten Conference gewählt, der ältesten College-Liga im US-Football. Doch der 1,93 Meter große Brady hatte beim Combine nicht überzeugen können. Er galt als langsam und unbeweglich. Spieler um Spieler wurden vor ihm gezogen, darunter sechs Quarterbacks. Erst in Runde sechs griffen die Patriots zu und wählten ihn an Position 199 aus – bis heute der größte NFL-Glücksgriff. Brady stieg mit seiner coolen Spielkontrolle und seinen präzisen Pässen bei den Patriots von Quarterback Nummer vier schon in der zweiten Saison zum Starter auf. Das war auch das Ticket für die Welt der Reichen und Schönen: Der Footballer heiratete am 26. Februar 2009 das brasilianische Supermodel Giselle Bündchen (heute 39). Die beiden haben zwei Kinder.
„Vor 20 Jahren war ich nicht einmal sicher, dass ich überhaupt gedraftet würde“, schrieb Brady dieser Tage in einem Essay für „The Players Tribune“. „Ich saß im Haus meiner Eltern und wurde immer weniger zuversichtlich, dass der Anruf kommen würde.“ Dann meldeten sich die New England Patriots – der Rest ist Draft- und Football-Geschichte … BERND BRUDERMANNS