Frankfurt/Main – Der bizarre Vorschlag aus dem Bundesarbeitsministerium offenbarte all die Unwägbarkeiten, mit denen der Profifußball bei der angestrebten Rückkehr in den Alltag noch zu kämpfen hat. Spieler und Schiedsrichter mit Atemschutzmasken, kein gemeinsamer Torjubel und erst recht keine Rudelbildung: Ja, so könnte der Wiederbeginn der Bundesliga nach Ansicht des Referats „Arbeitsschutz“ tatsächlich funktionieren. Ein wirklich reizender Gedanke.
Dass die Fußball-Profis am „Tag X“ mit verhüllten Gesichtern grätschen, ist jedoch ebenso unwahrscheinlich wie die Dauer-Quarantäne der Mannschaften samt Trainern und Betreuern. Der „erste Entwurf“ des Arbeitsministeriums, der dem „Spiegel“ vorliegt, verdeutlicht gleichwohl den schwierigen Weg zurück in einen halbwegs normalen Ligabetrieb.
„Ich kann mir nicht ganz so leicht vorstellen, wie Fußball mit Masken gespielt werden soll“, sagte am Freitag Tim Meyer, bei der Deutschen Fußball Liga (DFL) Chef der „Taskforce Sportmedizin/Sonderspielbetrieb“. RB Leipzigs Sportdirektor Markus Krösche sagte zur Masken-Idee: „Ich finde es ja gut, dass sich so viele Leute Gedanken machen. Und dieser Vorschlag ist wirklich interessant, aber schwierig umzusetzen.“
„Wir versuchen bestmöglich, eine fundierte Entscheidungsgrundlage zu schaffen, dass die Bundesliga früher oder später wieder einsteigen kann“, sagte DFL-Boss Christian Seifert nach der virtuellen Mitgliederversammlung am Donnerstag. Aufgabe der DFL sei es, den Entscheidungsträgern zu vermitteln, dass man bestmöglich vorbereitet sei.
Tatsächlich attestierte das Robert-Koch-Institut der DFL am Freitag „vernünftige Überlegungen“, es sieht sich laut Vizepräsident Lars Schaade aber nicht zuständig für weitere Äußerungen. Die gab und gibt es ohnehin vonseiten der Politik – in allen Facetten.
„Die DFL hat einen Vorschlag gemacht, den ich sehr spannend finde“, sagte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) über das 41-seitige Strategiepapier: „Wenn das RKI ‘ja’ sagt und wenn die Gesundheitsbehörden einverstanden sind, dann steht die Chance gut, dass so etwas stattfinden kann.“ Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) ist von der Idee des schnellen Neustarts dagegen nicht begeistert. „Ich bin dagegen, dass wir erst diejenigen privilegieren, die am meisten Geld auf den Tisch legen“, sagte der 64-Jährige „MDR Aktuell“.
Vor kontraproduktiven Signalen an den Rest der Gesellschaft warnten weitere Politiker. Gesundheitsexperte Karl Lauterbach von der SPD, so etwas wie der Chefkritiker, mahnte: „Wir müssen den jungen Leuten die Botschaft vermitteln: Haltet Abstand, tragt einen Mundschutz, das Virus ist gefährlich.“ Diese Vorgaben, betonte er, würden „durch einen Bundesliga-Start konterkariert“. Seine Parteigenossin Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, warf die Frage auf: „Akzeptiert die Öffentlichkeit mehrheitlich, dass die Politik eventuell bereit ist, an Profifußballer andere Maßstäbe anzulegen als an uns Normalbürger, die weiterhin mit Kontaktverboten leben müssen?“
Sofern dies der Fall ist und auch skeptische Fangruppierungen ihre Androhungen zurückziehen, den Neustart durch Aufläufe vor den Stadien zu torpedieren, bleibt noch der Zeitpunkt der ersten Spiele offen. Momentan ist ja noch nicht einmal klar, ob Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder bereits am 30. April darüber beraten oder erst am 6. Mai. Die 36 Proficlubs, bei denen das DFL-Konzept wenig überraschend gut ankam, forderten ihrerseits zudem etwas Vorlaufzeit ein. „Wir brauchen natürlich irgendwann wieder ein Mannschaftstraining. Du brauchst mindestens 14 Tage, am besten wären ungefähr drei Wochen“, sagte Sportvorstand Fredi Bobic von Eintracht Frankfurt. sid