München – Die Ehrung musste abgesagt werden. Eigentlich, so war es geplant, als die Welt noch eine andere war, sollte sich ein Großteil der deutschen Bob-Elite Ende März in Ohlstadt versammeln, um noch einmal richtig zu feiern. Florian Bauer, BRC-Mitglied und mit dem Team von Johannes Lochner Vize-Weltmeister im Viererbob, sollte im Mittelpunkt stehen, wie es sich gehört für einen vereinseigenen Spitzenathleten. Weil aber die Corona-Krise auch vor dem Wintersport keinen Halt macht, griff Stefan Gaisreiter halt zum Telefon. Am anderen Ende der Leitung: Bundestrainer Rene Spies.
Gaisreiter ist freilich kein Unbekannter in der Szene, im Gegenteil. Der 72-Jährige war als Bremser wie Pilot Weltmeister, die siebziger Jahre waren seine Zeit, sein Sport aber hat ihn nie losgelassen. Als es im Februar, bei der Heim-WM in Altenberg, bis zum Schluss um jede Hundertstelsekunde ging, stand der Ohlstädter im Zielraum und fieberte mit. „Das war Interesse pur, Spannung bis zum Umfallen, Euphorie“, schwärmt er, und die Ideen, die er sowieso schon im Kopf hatte, wurden in diesen Momenten befeuert. Als Francesco Friedrich den Pokal in die Höhe stemmte, war Gaisreiter längst klar, dass er aktiv werden musste. Er tauschte sich mit seinem ehemaligen Konkurrenten und heutigen Freund Hans Hiltebrand (Weltmeister 1977 und 1987) aus. Und er zog Rainer Jacobus hinzu, der als Vorstandsmitglied eines großen Sponsors die Szene bestens kennt. Das Trio war sich einig: Dieser Sport verdient wieder mehr Aufmerksamkeit. Und es hat auch konkrete Pläne, wie das gelingen kann.
Auch Spies hörte am Telefon genau hin, und der deutsche Chefcoach sitzt immerhin im Sportausschuss des Weltverbandes IBSF. „Wir sind ja nicht irgendwer“, sagt Gaisreiter, als er von seinen Denkmodellen berichtet. Konkret schwebt dem Ohlstädter vor, den Bobsport „zu seinem Vorteil zurückzuentwickeln“. Das heißt: Die Kosten für den Einstieg zu senken. Aber gleichzeitig neue Formate zu entwickeln. „Die Quantität geht unserem Sport ab“, sagt er. Der Schweizer Hiltebrand ergänzt: „Der Bob hat sich ins Abseits gesetzt.“
Damals, als Gaisreiter und Hiltebrand sich duellierten, fieberten die Nationen mit. „Das ganze Dorf hat mich angefeuert“, erzählt Hiltebrand, der zu Zeiten aktiv war, in denen die Szene noch in A- und B-Kategorien eingeteilt war, in denen jeweils rund 25 Teams starteten. Zum Vergleich: Bei den Deutschen Meisterschaften 2019 lenkten gerade mal sieben Vierer-Teams durch den Eiskanal. „Viele geben auf, bevor sie loslegen“, sagt Hiltebrand. Das Problem: Die Finanzen. 70 000 bzw. 85 000 Euro muss man für einen Zweier- bzw. Viererbob hinlegen, Kufen kosten noch mal extra.
Gaisreiter plädiert daher für eine Rückbesinnung auf die Basis, das heißt: Die IBSF sollte einen Prototyp anbieten, den alle Piloten kaufen. Rund 25 000 Euro nennt er als vertretbare Summe, „dann hat jeder Bastler die Möglichkeit, aus diesem Modell einen Spitzenbob zu machen“. Hiltebrand bringt die Zahl von 100 Stück ins Spiel, die den Sport wieder einer größeren Masse zugänglich machen würden. Eine Amateurliga schwebt dem 75-Jährigen vor, dazu die Profis, in deren Klasse „nicht alles überreglementiert“ sein sollte. Gaisreiter meint: „Vorteile hätten weiter die, die fleißig sind und sich gut auskennen.“
Auch Rainer Jacobi bestätigt, dass die „Diskussion um Änderungen“ überfällig ist. Der Wirtschafts-Fachmann bewertet den Bobsport als attraktiv für Sponsoren – TV-Präsenz, Fläche, Preis-Leistung stimmen. Er sieht aber noch viel größeres Potenzial. Das aktuelle Reglement sieht im Weltcup je zwei Läufe im Zweier (Damen, Herren) sowie im Vierer (Herren) vor, bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen werden vier Durchgänge ausgetragen. Ab 2022 fahren die Frauen auch im Mononbob. Jacobi sagt: „Das IOC ist auf der Suche nach neuen Formaten“ – und die Ideen der drei Herren sind durchaus durchdacht.
Gaisreiter etwa würde drei Läufe an einem Tag absolvieren. Einen ersten im K.o.-Modus von zwölf Paaren. Einen zweiten als Halbfinale. Einen dritten als Finalhit: Sechs Teams und ein schönes Preisgeld. Jacobi hingegen setzt sich für einen Mixed-Wettbewerb ein, der – anders als Teamstaffeln – Spannung garantieren würde. Einen Durchgang lenkt die Frau, einen der Mann. Testen würde er das Ganze gerne bei einem Demonstrationsrennen und ist sich sicher: „Die Fahrer wären aufgeschlossen.“
Die simple Rechnung: Mehr Attraktivität bedeutet mehr Interesse – von Fans, Sponsoren und TV. „Das hat unser Sport verdient“, sagt Gaisreiter. Die Denkanstöße wird er nun schriftlich zu Papier bringen, und er versichert: „Wenn wir gefragt werden, sind wir gleich da.“ Nicht nur Rene Spies wird genauer hinhören. Denn Spannung wie in Altenberg hätte jeder gerne öfter.