München – Der FC Bayern verteilt in Abstimmung mit dem Bayerischen Gesundheitsministerium kommende Woche Sachertorten an Altenheime. Zum Start der Aktion „Zu Kaffee und Kuchen mit dem FC Bayern“ (siehe auch Seite 26) kam Gesundheitsministerin Melanie Huml (44) an die Säbener Straße. Unsere Zeitung nutzte die Gelegenheit, um mit der Ministerin und Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge (64) über die gesellschaftliche Verantwortung des Profifußballs zu sprechen.
Frau Ministerin, welchen Eindruck macht der deutsche Profifußball hinsichtlich seiner gesellschaftlichen Verantwortung auf die Politik?
Melanie Huml: In meinen Augen einen sehr verantwortungsvollen. Gerade in Krisenzeiten ist es so, dass man eine größere Vorbildfunktion hat als sonst. Der FC Bayern wollte seiner gesellschaftlichen Funktion von Anfang an gerecht werden und stand deswegen stets in engem Austausch mit dem Gesundheits- und Pflegeministerium. Auch, was Gestaltung und Wiederaufnahme des Trainingsbetriebs betraf.
Herr Rummenigge, gesellschaftliche Verantwortung kann vieles bedeuten. Wie kam es zur Sachertorte für Altenheime?
Karl-Heinz Rummenigge: Ich hatte vor ein paar Wochen mit Frau Huml telefoniert und wir haben vereinbart, gemeinsam solidarische Aktionen durchzuführen, um den Leuten in dieser schweren Zeit zu zeigen, dass der Fußball seiner Rolle verantwortungsvoll und auch vorbildlich nachkommt. Den Anfang macht jetzt unser Projekt „Zu Kaffee und Kuchen mit dem FC Bayern“. In Abstimmung mit dem Gesundheitsministerium werden Mitarbeiter des FC Bayern Sachertorten an Altenheime übergeben. Ich persönlich bin beim Thema Altenheime auch etwas vorbelastet.
Inwiefern?
Rummenigge: Meine Schwiegermutter hatte gestern ihren 95. Geburtstag und lebt seit ein paar Jahren im Altenheim. Deshalb weiß ich, wie den älteren Menschen gegenwärtig zumute ist. Und ich weiß, welche großartigen Leistungen die Pfleger täglich zum Wohle der alten Menschen und damit auch zum Wohl der Gesellschaft leisten. Das ist ein Beruf, der einem alles abverlangt. Da muss man verdammt viele berufliche und noch mehr empathische Qualitäten mitbringen. Es sind eben jetzt bei Corona die alten Leute, die mit am meisten belastet sind – auch psychisch. Die Herrschaften dort dürfen ja gar nicht besucht werden.
Wie ist denn die aktuelle Lage in den bayerischen Altenheimen?
Huml: Ja, es ist eine belastende Situation. Für die Familien, die ihre Angehörigen nicht besuchen dürfen. Für das Pflegepersonal ist es ebenfalls ein Ausnahmezustand. Und für die Betroffenen sowieso. Wir alle können zumindest „normal“ digital kommunizieren. In Senioren- und Altenheimen ist man da schon immer noch auf jemand anderen angewiesen, der mit dir beispielsweise eine Skype-Schalte einrichtet. Weil keine Besuche mehr erlaubt sind, denkt so mancher Bewohner: Jetzt haben sie mich „abgeschoben“ und kommen mich nicht mal mehr besuchen.
Rummenigge: Das stimmt, das ist wirklich der Eindruck vieler Betroffener: Jetzt haben sie mich vergessen! Und wir wollen ihnen als FC Bayern deshalb zeigen, dass wir gerade in diesen schweren Zeiten an sie denken. Ihnen mit dem Kuchen ein Lächeln ins Gesicht zaubern.
Huml: Wenn plötzlich jemand wie der FC Bayern kommt, den Leuten Kuchen spendiert und damit zeigt: Ihr seid nicht vergessen, wir sehen euch – dann macht das nicht nur den alten Leuten Mut, sondern es honoriert auch die Leistung des Pflegepersonals.
Rummenigge: Es war in meinen Augen eine ganz wichtige und großartige Geste der bayerischen Politik, Frau Huml, dem Pflegepersonal den Bonus von bis zu 500 Euro zu geben. Das ist richtig gut angekommen: Man denkt an uns, unsere Arbeit wird wahrgenommen.
Wird der Profifußball durch die Corona-Krise nahbarer als zuvor? Es engagieren sich aktuell ja viele Vereine gesellschaftlich.
Rummenigge: Ich habe immer gesagt: Der Fußball ist nicht systemrelevant, aber trotzdem wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft, weil er ein Stück Normalität zurückgibt. Der Fußball muss ohne Frage seine Solidarität mit der Gesellschaft zeigen. Das sind im Fußball in erster Linie die Protagonisten, also die Spieler. Ich glaube, sie sind gut beraten, wenn sie als sehr privilegierter Teil unserer Gesellschaft in dieser Zeit auch ein Stück weit mit Demut durchs Leben gehen.
Die entscheidende Frage ist ja: Hält dieser Solidaritätsgedanke und hält die Demut auch nach der Corona-Krise weiter an?
Rummenigge: Diese Chance sehe ich. Aktuell gibt es eine große Hilfsbereitschaft. Der eine ist bereit, für den anderen einzustehen. Wir haben bei Bayern München schon immer gesagt: Die Stärkeren müssen den Schwächeren zur Seite stehen. In Deutschland haben wir Vereine seit der Bundesliga-Unterbrechung untereinander alles loyal und gut geregelt: Wir haben miteinander und nicht kreuz und quer diskutiert. Ich bin überzeugt: Wenn die Krise irgendwann bewältigt ist, müssen im Fußball Diskussionen geführt werden, um den einen oder anderen Exzess, zu dem es in den vergangenen zehn Jahren gekommen ist, zu korrigieren.
Inwiefern?
Rummenigge: Man muss über Lösungen nachdenken, wie man den Fußball wieder in eine rationalere und stabile Welt lenken kann. Schauen Sie: Die Clubs waren in der Vergangenheit von Jahr zu Jahr einem größeren wirtschaftlichen Risiko ausgesetzt. Und parallel dazu sind die Summen auf Spielerseiten von Jahr zu Jahr gestiegen – Ablöse, Gehälter, Berater-Provisionen. Es ist ein guter Moment, wenn die Krise dann einmal bewältigt ist, dass wir darüber nachdenken und gemeinsam sprechen. Es muss aber eine europäische und keine exklusiv deutsche Debatte werden darüber, wie wir wieder mehr Vernunft in den Fußball bekommen.
Die EU hatte Ihnen während Ihrer Zeit als ECA-Präsident mitgeteilt, dass ein Salary Cap nicht mit dem europäischen Wettbewerbsrecht in Einklang zu bringen ist. So entstand das Finanical Fair Play.
Rummenigge: Das ist richtig. Ein Salary Cap wäre eine klare Vorgabe, in der du dich bewegen darfst. Beim Financial Fair Play hat man leider ein paar negative Beispiele erlebt. Wenn man trickreich ist, kann man Grenzen überschreiten. Aber ich glaube, mit der Erfahrung und den Einsichten, die wir jetzt gewinnen, kann man jede Diskussion noch einmal neu öffnen, die in der Vergangenheit nicht zu einem positiven, angemessenen Ergebnis geführt hat.
Huml: Wenn ich das ergänzen darf: Ich habe schon den Eindruck, dass in die Gesellschaft wieder mehr Demut eingezogen ist. Die Haltung, dass man manches wieder viel mehr wertschätzt, was als selbstverständlich erachtet wurde. Das geht in die Richtung, die Sie gerade angesprochen haben, Herr Rummenigge.
Rummenigge: Ich möchte dem unbedingt etwas hinzufügen. Vor Corona ist in der Öffentlichkeit, vor allem in den sozialen Medien, oft despektierlich über Politiker gesprochen und berichtet worden. Aber gerade jetzt stellen wir doch fest, dass unsere Politiker über eine hohe Qualität verfügen und mit klugen Entscheidungen dazu beigetragen haben, dass Deutschland in aller Welt für seine Corona-Politik hoch angesehen ist. Es sollte bei uns auch in diesem Zusammenhang mehr Korrekturverständnis herrschen: Wir in Deutschland haben die Pandemie bisher besser gemanagt als viele andere Länder.
Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch- Instituts, hat gesagt: Wir befinden uns aktuell am Anfang eines Marathons. Wie zufrieden sind Sie mit der bisherigen Marathon-Performance des FC Bayern, Herr Rummenigge?
Rummenigge: Wir wollen in dieser Krise solidarisch sein und uns hilfsbereit und emphatisch verhalten. Ansonsten war die an den Profi-Fußball gerichtete Aufgabe, ein Konzept zu erstellen, das den rechtlichen und medizinischen Vorgaben gerecht wird. Das haben die Deutsche Fußball Liga (DFL) und die Medizin-Taskforce sehr gut gelöst. Jetzt hoffen wir natürlich, dass uns die Politik – das sage ich mit der notwendigen Geduld, die wir alle haben – den Spielbetrieb wieder gestattet.
Interview: Manuel Bonke