Gold für eine Freundschaft

von Redaktion

Speerwurf-Olympiasieger Klaus Wolfermann trauert um seinen früheren Rivalen Janis Lusis

VON GÜNTER KLEIN

München – „Jüngst erst“, sagt Klaus Wolfermann aus Penzberg, „haben wir wieder telefoniert.“ Es ging um das nächste Wiedersehen. „Treffen wir uns 2022 zum 50-jährigen Jubiläum?“ Aber klar doch, sagte Janis Lusis in Riga. Die vergangenen zwei Jahre habe er Probleme mit dem Herzen gehabt, doch die seien ausgestanden, gesundheitlich störten ihn lediglich „andere Kleinigkeiten“. Es war das letzte Telefonat der beiden ehemaligen Speerwurf-Stars Wolfermann, 74, und Lusis, 80. Am Mittwoch verstarb Janis Lusis an Krebs, Wolfermann sagt: „Ich habe ihn verehrt. Er war ein wertvoller Mensch. Er hatte viel mehr Ausstrahlung als alle anderen. Jede seiner Bewegungen war auffallend – im Sport und privat.“

Wolfermann und Lusis lieferten sich das wohl epischste Duell der Olympischen Spiele 1972 in München. Lusis war der Favorit, Olympiasieger vier Jahre zuvor in Mexiko – da hatten Wolfermann und er sich kennengelernt.

Klaus Wolfermann, der Bayer, war bei seinem Münchner Olympia-Heimspiel Außenseiter und warf 90,48 Meter. Lusis 90,46 Meter. Zwei Zentimeter entschieden zu Gunsten Wolfermanns, der im Jubel hüpfte wie ein Gummiball. Und Janis Lusis freute sich mit. Als Freund.

Schon damals, als die Sowjetunion noch klare Grenzen gezogen hatte, mit wem ihre Athleten verkehren durften und mit wem nicht, traf er sich mit dem deutschen Konkurrenten privat. Und das blieb weit über beider Karrieren so. Wolfermann: „Ob ich in Burgkirchen, Herzogenaurach oder wie jetzt in Penzberg lebte – Janis, oft auch mit seiner Frau Elvira, war der Gast schlechthin bei uns. Er konnte bleiben, so lange er wollte, wir haben nie gefragt, wann er wieder fährt.“

Wolfermann erinnert sich, dass es Lusis häufig nach München zog. Sie fuhren hinauf auf den Olympiaturm, setzten sich ins Drehrestaurant. Bevor Lusis bestellte, ließ er den Blick über den Olympiapark schweifen. „Janis sagte immer: ,Ihr könnt stolz sein, solche Sportstätten zu haben, die so gut erhalten sind und den Gedanken von Olympia symbolisieren.“

Gegenbesuche der Wolfermanns in Lettland gab es auch. „Wir waren ein paarmal zu Janis’ Geburtstag dort.“

Lusis, erzählt Wolfermann, sei nicht auf das Thema Sport fixiert gewesen. „Ich habe ihm Bücher besorgt, die er in der Sowjetunion nicht bekommen konnte, weil sie verboten waren.“ Alexander Solschenizyns „Archipel Gulag“ etwa, den Bericht über ein Strafgefangenenlager.

Janis Lusis’ Frau war ebenfalls Speerwerferin, unter ihrem Mädchennamen Ozolina 1960 Olympiasiegerin. Unter Werfern, so Klaus Wolfermann, habe es stets einen besonders vertrauten Umgang gegeben – auch über politische Blöcke hinweg. „Wir sind nach Wettkämpfen immer zusammengesessen und haben uns ausgetauscht.“

Eine der ersten Aufgaben von Klaus Wolfermann, nachdem er die Nachricht vom Tod des Freundes Janis Lusis erhalten hatte, war es, den Dritten von München 1972 anzurufen, den US-Amerikaner Bill Schmidt. Er will 2022 nach München kommen. Dann werden sie sich zusammen erinnern „an einen ganz großen Athleten, der von uns gegangen ist“.

Artikel 2 von 11