München – Ab und zu lädt die DFL zu sich nach Frankfurt. Einfach so, ohne konkreten Anlass. Zu Hintergrundgesprächen. Den Journalisten mal zeigen, wie die Bundesliga in exotischen Fernsehsendern präsentiert wird. Oder dass die DFL einen Spezialisten für Fan-Belange eingestellt hat, damit sie die Kurven versteht. Und schon vom Plan gehört, dass alles, was an Bildmaterial je gesendet wurde zur liebsten Liga der Deutschen, digitalisiert werden soll? Am Ende der Veranstaltung kommt dann noch Christian Seifert in die Presserunde und lässt ein paar süffisante Bemerkungen in Richtung DFB fallen.
Die DFL, das hört man immer wieder, macht einen guten Job. Sie hat die Bundesliga professionalisiert, die Erlöskurven steigen, alles ist auf Hochglanz. Bei diesen Terminen wird auch erzählt, dass jedes Wochenende Tausende englischer Fans mit billigen Flügen Bundesligaziele anstreben. Weil es hierzulande noch Stehplätze in den Stadien gibt und besseres Bier. Die Bundesliga ist ein Erfolg und die 2. Liga ganz nebenbei auch die meistbeachtete 2. Liga der Welt.
Also: Warum wird die eigene Liga in Deutschland für nicht mehr so super gehalten?
Die Geringschätzung des Zuschauers
Eine alte Rechnung im Fußball war: Die Zuschauer, die Tickets kaufen, bringen das Geld und halten ihren Verein am Leben. Das ausverkaufte Haus war die Erfüllung. Deswegen – und das ist noch nicht so lange her – haben die Bayern die Allianz Arena gebaut. Um mehr Fans anzuziehen, höhere Einnahmen aus Ticketverkauf, Gastronomie und Sponsoring zu erzielen als im alten Olympiastadion, für das man fast immer am Spieltag Karten bekam und in dem die VIPs sich winters unter rote Wolldecken kauern mussten. Uli Hoeneß sprach von der Fröttmaninger Arena als „Goldgrube, wenn wir sie abbezahlt haben“.
Heute – die Zahlen stammen aus dem DFL-Wirtschaftsreport von diesem Jahr – macht das Spiel im Ligaschnitt nur noch 12,9 Prozent am Einnahme-Mix aus. 520 Millionen des Gesamtumsatzes von 4,019 Milliarden. Das Geisterspielkonzept ist nur tragbar geworden, weil der Vor-Ort-Zuschauer eine beiläufige Einnahmequelle ist. Wichtiger sind der vom Profifußball selbst geschaffene Geldfluss für Transfers (675 Millionen) und die „mediale Verwertung“ (1,483 Milliarden – 36,9 Prozent). Die Bundesliga spielt fürs Fernsehen, nicht für den Fan im Stadion.
Der fühlt sich im Stich gelassen, wenn in der nunmehr dritten Saison ein Herumdoktern am Spiel stattfindet, das er nicht nachvollziehen kann. Video Assistant Referee, ein Experiment ohne Fortschritte. Vor allem mit dem Manko, dass es die Emotionalität erstickt. Wer ins Stadion geht, will sich ausleben, sich freuen oder fluchen. Er mag erleichtert sein, wenn das Gegentor dann doch einem Abseits entsprang – doch das wiegt nicht den Ärger auf, wenn man einen Freudenschrei zurücknehmen muss. Für den Stadionbesucher gibt es bei den Unterbrechungen nur die Info, dass der VAR aktiv ist und welchen Sachverhalt er überprüft – mehr nicht. Bilder zu zeigen, das bringt die DFL technisch nicht hin.
Schwer zu planen sind für den Fußball-Interessenten auch Auswärtsfahrten. Der exakte Spielplan wird erst ein paar Wochen im Voraus bekannt gegeben, die Liga wartet ab, wer international spielen muss. Für Sonntagsspiele galt früher mal die 300-Kilometer-Regel, mittlerweile wird sie als nicht mehr bindend betrachtet. Die Auswärtsfahrer haben keine Lobby. Die Gästeblöcke werden leerer.
Die Bundesliga ist ein Fernsehevent. Die DFL produziert die Bilder über ihre Tochterfirma Sportcast selbst. Es ist eine gefilterte Berichterstattung, bei der ein Protest auf den Rängen eher unerwähnt bleibt. Der Konsument, der einfach nur die Inszenierung sehen will, stört sich daran nicht – doch auch er wird unzufriedener. Sky nervt die Leute mit einer nicht zu durchschauenden Preisstruktur, dazu braucht man seit drei Jahren ein Zweitabonnement (erst Eurosportplayer, dann DAZN), um jedes Spiel sehen zu können. Dass „Sky Go“ nicht richtig funktioniert, ist keineswegs die Schuld der DFL – doch dieser Missstand trägt zu einer Gesamtverärgerung der Fußballkundschaft bei.
Die Maßlosigkeit der Branche
Oliver Bäte (Allianz), Joe Kaeser (Siemens), Timotheus Höttges (Telekom) sind Spitzenmanager der deutsche Industrie – doch sie alle verdienen im Jahr unter zehn Millionen Euro. Weniger als eine ganze Reihe von Bundesligaspielern, die gerade mal Mitte, Ende zwanzig sind. Im deutschen Fußball werden mehr CEO-Gehälter bezahlt als in den DAX-Konzernen. Wer als herausragendes Talent gilt, hat mit dem ersten Profivertrag ausgesorgt. Die vor 20 Jahren ins Leben gerufenen Nachwuchsleistungszentren produzieren kaum noch Persönlichkeiten, sondern langweilige Jungmillionäre, die sich in Social-Media-Auftritten inszenieren („Part of Götze“) oder Jacken und Rucksäcke im Wert von Mittelklasseautos am Leib tragen (Leroy Sané).
Das Durchschnittsgehalt, das in der Bundesliga bezahlt wird, beträgt 1,2 Millionen Euro jährlich. Das hört sich nicht so üppig an – aber wenn man bedenkt, dass ein Kader 25 bis 35 Profis umfasst . . . In der Spitze werden in Deutschland 15 Millionen verdient. Über eine Million im Monat. Das ist wie permanent im Lotto abzuräumen.
Um die Spieler herum ist eine Beraterindustrie entstanden. 161 Millionen Euro – fast der Ertrag aus ihrem gesamten Merchandising (176 Mio.) wendeten die 18 Vereine auf, um für Vermittlungen zu bezahlen. Der Spieler ist ein Anlageobjekt, lukrativer als eine Aktie. 300 Prozent Zugewinn in einem Jahr? Keine Seltenheit. Daher wollen alle in den Fußball investieren.
Die Langeweile in der Tabelle
Dass Kaiserslautern 1998 als Wiederaufsteiger Deutscher Meister wurde, dass 2007 der VfB Stuttgart und 2009 der VfL Wolfsburg den Titel gewann – das erscheint weiter als ein Leben entfernt. Seit 2010 holt – mit Ausnahme der Dortmund-Jahre 2011 und 2012 – der FC Bayern die Schale. Mit teils absurdem Vorsprung. Wer regelmäßig Champions League spielt, enteilt der nationalen Konkurrenz. Zwar ist auch für mittelklassige Bundesligavereine der Fernsehvertrag ein Segen – bessere Spieler kriegt er für sein Geld aber nicht. Er muss nur den Spielern, die er hat, höhere Gehälter bezahlen.
Wer es als kleinerer Verein in die Europa League schafft, läuft Gefahr, seine besten Spieler zu verlieren und in der Saison mit nun zusätzlicher Belastung abzusteigen. Schlechte Jahre können allenfalls Vereine mit Firmenstrukturen (Wolfsburg, Leverkusen, Hoffenheim) verkraften. Leipzig natürlich auch, doch der als Werbeplattform an den Start gebrachte Club, dem weiter die Ablehnung der Fanszenen entgegenschlägt, hatte bislang nur gute Jahre. Die 50+1-Regel hat er umschifft – und es ist auch das Gespenst eines von Investoren gelenkten Fußballs, der die Leute verdrießt.
Die Bundesliga wirkt nicht ehrlich
Noch einmal der Blick in den „Wirtschaftsreport 2020“. Da steht: „Historischer Höchstwert“, „Erfolgskurs fortgesetzt“, „Erhebliches Wachstum“, „Kontinuierlicher Anstieg“, „Bedeutender Steuerzahler und Jobmotor“. Die Eigenkapitalquote im deutschen Profifußball soll von 40,1 Prozent (Jahr 2016) auf 47,7 Prozent (Stichtag 30. Juni 2019) gestiegen sein.
Ein paar Wochen nach Drucklegung des Reports: Kein Spielbetrieb – und eine Wahrheit unter der schönen Oberfläche. Etliche Bilanzen sind hingetrickst, und wenn nicht permanent Geld reinkommt, hat ein Drittel der Clubs ein Nahtoderlebnis.
Die vermeintlich Reichen rufen nach der helfenden öffentlichen Hand – und das kommt eben nicht gut an, wenn es allen schlecht geht.