München – Florian Neuschwander war am Ende seiner Kräfte. Gleich zu Beginn des Laufs knickte er um, die Anstiege verlangten ihm alles ab. Das Problem? Er hatte noch 50 Meilen vor sich.
Neuschwander absolvierte 2018 den Western States Endurance Run – einen Ultramarathon über 100 Meilen (rund 160 km), der jedes Jahr am letzten Juniwochenende durch die Sierra Nevada in Kalifornien führt. In den Tälern herrschen Temperaturen von bis zu 40 Grad, während die höchsten Pässe auf bis zu 2900 Metern mit Schnee bedeckt sind. Der gebürtige Saarländer gab trotz all der Schmerzen nicht auf und kämpfte sich durch. Nach 20 Stunden erreichte er den Zielort Auburn – wandernd wohlgemerkt, ans Laufen war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu denken: „Ich habe rund ein halbes Jahr gebraucht, um mich von dem Lauf richtig zu erholen.“
Sein erster erfolgreicher 100-Meiler 2018 war die Krönung der bisherigen Laufkarriere von Neuschwander. Eine Karriere, die im Alter von 15 Jahren begann. Als Jugendlicher nahm „Flo“ an seinem ersten Rennen teil: einem 2-Kilometer-Schülerlauf. Seine Mutter erkundigte sich vor dem Start noch, wie sie ihn nach dem Lauf wiederfinden soll. Neuschwanders Antwort: „Am besten ganz vorne. Ich gewinn‘ das Ding einfach.“
Mit 17 Jahren trainierte der Athlet dann zunächst auf der Bahn sämtliche Strecken von 800 m bis 5000 m und schaffte es in die Jugendauswahl und den DLV-Kader. Doch „das Laufen auf der Bahn hat mich irgendwann gelangweilt und war zu eintönig“, sagt Neuschwander, der sich fortan auf Halb- und Marathons konzentrierte. Die größten Erfolge: 2001 Deutscher Junioren-Vizemeister im Halbmarathon, 2007 zweitschnellster Deutscher beim Frankfurt-Marathon, 2008 dreifacher Deutscher Mannschaftsmeister mit der LG Stadtwerke München im Crosslauf, Halbmarathon und Marathon und 2011 drittbester Deutscher beim Berlin Marathon in einer persönlichen Bestzeit von 2:22,23.
Trotz der Erfolge entschied sich Neuschwander dazu ab 2013 alles auf Ultraläufe zu setzen: „Ich bin schon immer lieber zig Kilometer durch den Wald gerannt.“ Durch seine Siege beim 50 km Ultramarathon in Rodgau und beim Transrockies Run in Colorado – 193 km und 6000 Höhenmeter in sechs Tagen – machte sich der gelernte Einzelhandelskaufmann in der Szene der Ultraläufer schnell einen Namen und gehört mittlerweile zu den Besten seiner Zunft. Das Besondere am heute 38-Jährigen ist auch, dass er keinen festen Trainingsplan hat. Er macht alles nach Gefühl: „Wenn ich Bock habe, dann baller ich.“
Um das Training zu optimieren, zog er 2019 mit seiner Lebensgefährtin und Tochter nach Inzell: „Hier kann ich alpine Strecken kennenlernen und viele Höhenmeter sammeln.“ In den Chiemgauer Alpen stürmt er regelmäßig den Kienberg oder den Rauschberg hoch. Auch in der aktuellen Phase der Corona-Pandemie – all seine Wettbewerbe für dieses Jahr wurden abgesagt – weiß sich Neuschwander zu beschäftigen: „Ich habe jetzt viel Zeit für Experimente. Wie verändern sich meine Zeiten, wenn ich mal zwei Ruhetage einlege? Wie reagiert mein Körper auf kürzere Strecken, die ich dann maximal schnell laufe?“ Zudem hat er sich im Dorf in Inzell eine flache 2-Kilometer-Strecke ausgesucht. Vor einigen Wochen ist er diese 30 Mal hintereinander abgelaufen. „Du lernst, wie man mit der Monotonie umgehst“, sagt der Familienvater. Es sind solche „Challenges“, die Neuschwander dabei helfen, bei seinen Läufen über 80 oder 100 km stundenlang mental auf der Höhe zu bleiben.
Erst Ende Februar stellte er in 2:57:25 einen neuen Weltrekord über 50 km auf dem Laufband auf. Dass der Rekord mittlerweile vom Schweizer Orientierungsläufer Matthias Kyburz um 50 Sekunden unterboten wurde, stört den Profiläufer nicht. Er hat stets das nächste Rennen im Blick. Am Sonntag nahm der Extremsportler am „Wings for Life World Run“ teil – ein Wohltätigkeitslauf, der in 33 Ländern gleichzeitig stattfindet. In Zeiten von Corona absolvierten die Teilnehmer den Wettbewerb dieses Jahr über eine App: „Sobald wieder Ultraläufe stattfinden, werden sie mir umso leichter fallen. Statt dem Laufband und meiner Wohnung sehe ich dann endlich wieder wechselnde Landschaften und beeindruckende Gebirge“, sagt Neuschwander.