„Ab 11. Mai wird wieder Tennis gespielt“

von Redaktion

DTB-Vize Dirk Hordorff geht von Lockerungen im Breitensport aus und kritisiert die Politik scharf

München – Ein Diplomat wird Dirk Hordorff nicht mehr werden. Das weiß auch sein langjähriger Schützling, Ex-Tennisprofi Janko Tipsarevic. „Am Anfang bin ich über seine direkte Art erschrocken. Heute schätze ich sie sehr. Bei ihm weiß man immer, woran man ist“, so der Serbe über den Vizepräsidenten des Deutschen Tennisbundes. Momentan kämpft Hordorff leidenschaftlich für Corona-Lockerungen im Sport. Im Interview sagt der 64-Jährige das baldige Ende der Tennisplatz-Sperrungen voraus, geht hart mit Roger Federer ins Gericht und verteidigt die Geisterspiele in der Fußball-Bundesliga.

Herr Hordorff, noch gibt es rote Flecken auf der Corona-Tennislandkarte: Bundesländer, in denen die Clubs geschlossen sind. In Bayern zum Beispiel. Wie lange existiert dieser Fleckenteppich noch?

Allerspätestens zum 18. Mai wird er sich auflösen. Ich glaube sogar, dass bereits am 11. Mai in jedem Bundesland wieder Tennis gespielt werden darf. Natürlich mit individuellen Auflagen.

Die Einschränkungen durch die Politik sind alles andere als einheitlich. Nicht nur im Sport…

Und das macht es so schwer verständlich für die Bürger. Die Begründungen sind ja teilweise hanebüchen. Wenn ein Ministerpräsident sagt, man könne Sportarten nicht differenziert betrachten, frage ich mich, ob da der IQ für ein solches Amt ausreicht? Und komme zur Antwort: nein.

Was stört sie konkret?

Musikunterricht ist in geschlossenen Räumen mit fünf Leuten erlaubt. Aber auf dem Tennisplatz im Freien dürfen sich zwei Personen nicht auf 600 Quadratmeter aufhalten. Wo sich zwei Freizeitbeschäftigungen treffen, müssen für beide die gleichen Maßstäbe gelten.

Sind Politiker überfordert?

Sie müssen es mir wenigstens logisch erklären. Das passiert aber nicht. So schwindet die Akzeptanz für die Maßnahmen und die Bevölkerung begehrt auf. Genau das erleben wir in den letzten Tagen. Politiker sollen ihre Arbeit erledigen und nicht nur Politik für die eigene Kanzlerkandidatur betreiben.

Nicolas Kiefer hat in unserer Zeitung letzte Woche die Absage der Tennis-Bundesligen kritisiert. War die Absage so früh ein Fehler?

Nein. Sondern auch aus heutiger Sicht alternativlos. Die große Mehrheit der Vereine waren für eine Absage. Die Teams setzen sich zum großen Teil aus dem benachbarten Ausland zusammen. Mit Reisefreiheit ist aber so schnell nicht zu rechnen. Zuschauer sind ebenfalls für die Etats enorm wichtig. Ich empfehle Nicolas Kiefer, nicht nur emotional zu urteilen, sondern sich mit den Verantwortlichen zu unterhalten, die die Rechnungen bezahlen.

Eine Alternative ist die von Ihnen initiierte Turnierserie. Wie haben die Profis reagiert?

Wir haben mehr als doppelt so viele Meldungen wie Plätze. Zu hundert Prozent steht das Teilnehmerfeld noch nicht. Dominik Köpfer hat zum Beispiel gemeldet, ist aber noch in den USA. Wenn er wieder fliegen darf, würde er sofort kommen. Muss dann aber sowieso 14 Tage in Quarantäne.

Für einen Spieler wie Alexander Zverev ist das Turnier nicht gedacht?

Für Alexander wird es immer einen Platz geben, wenn er mitspielen möchte. Das ist keine Frage. Aber in erster Linie ist es an Spieler gerichtet, die finanziell an der Pause zu knabbern haben. Alexander muss sich nicht sorgen, ob er seine Miete bezahlen kann. Andere Profis schon. Denen wollen wir helfen.

Immer mehr Spieler zweifeln, dass 2020 noch internationale Profi-Turniere stattfinden. Sie auch?

In Deutschland haben wir 80 Millionen Virologen, da möchte ich ungern dazugehören. Voraussetzung ist für mich Reisefreiheit. Momentan dürfen wir nicht einmal von Deutschland nach Österreich fahren. Wie soll man so ein internationales Turnier durchführen?

In der Pause wird viel über Veränderungen im Tennis diskutiert. Stichwort Turnierkalender, Preisgeldverteilung, Zusammenschluss von ATP und WTA. Was hat für Sie Priorität?

Die Preisgelder müssen anders verteilt werden. Wenn vom Profi-Tennis weltweit weniger Leute leben können als in Österreich vom Fußball, läuft etwas gehörig schief. Da besteht akuter Handlungsbedarf.

Roger Federer hat die Bündelung in eine gemeinsame Organisation von Männer und Frauen ins Spiel gebracht.

Aber das alleine löst kein Problem. Das war eine nicht gute Darstellung von Federer eines komplexen Themeninhaltes. Zudem hat die Idee der neue ATP-Chef Andrea Gaudenzi schon Anfang des Jahres empfohlen. Der Vorschlag von Federer ist auch zu kurz gedacht. Es gibt sieben Organisationen, die im Welt-Tennis mitmischen. Ziehen wir davon zwei zusammen, haben wir das Hauptproblem immer noch nicht gelöst.

Das wäre?

Der Weltverband ITF ist einfach zu schwach. In jeder anderen Sportart führt der Weltverband die Sportart. Wie die FIFA im Fußball. Die ITF ist aber bedeutungslos in diesem Bereich. Ein starker Weltverband könnte eine andere Verteilung der Preisgelder durchsetzen. Und Tennis als Sportart seine Einnahmen um ein Vielfaches steigern, wenn man gemeinsam kooperieren würde anstatt sich zu bekämpfen.

Einfacher scheint die Rückkehr zu Normalität im Fußball. Spüren Sie eine Ungleichbehandlung, wenn Sie auf König Fußball blicken?

Überhaupt nicht. Ich plädiere für einen schnellen Wiederanpfiff in den Fußball-Bundesligen. Die DFL hat ein Konzept vorgelegt, das überzeugt und bin sicher, dass der Fußball verantwortungsvoll zurückkehrt. Fußball ist ein ganz wichtiger Teil unserer Gesellschaft, der vielen Millionen von Menschen Vergnügen bereitet. Er ist ein Wirtschaftsbereich, der genauso das Recht hat, wieder zurückzukommen wie alle anderen Bereich auch. Neid ist da völlig fehl am Platz.

Interview: Daniel Müksch

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