München – Er war 2018 angetreten, um die dauerkriselnden deutschen Langläufer als Bundestrainer zur Heim-WM 2021 in Oberstdorf zu führen. Ausgerechnet im Sommer vor dem Highlight ist auch Peter Schlickenrieder zum Improvisieren gezwungen. Wobei der 50-Jährige vom planmäßigen Zustandekommen der WM noch längst nicht überzeugt ist, wie er im Interview mit unserer Zeitung erklärte.
Herr Schlickenrieder, Sie sind als Bundestrainer nicht zuletzt auch angetreten, um die deutschen Langläufer auf die „Road to Oberstdorf“ zu bringen. Der letzte große Abschnitt der Straße zur Heim-WM könnte holprig werden.
Das ist eine gewisse Herausforderung, das stimmt. Das Gute ist, dass wir ja auch mit dem Ziel angetreten sind, selbstverantwortliche Athleten zu schaffen. Früher ist man mit einem System gut gefahren, in dem alles stark vorgegeben war. Aber die Dinge verändern sich zu schnell, deswegen gehen wir diesen Weg. Das läuft noch nicht alles super, aber wir sind auf einem guten Weg. Und das hilft uns natürlich in der momentanen Situation, in der du nicht so arbeiten kannst wie sonst.
Wie schafft man denn einen selbstverantwortlichen Athleten?
Durch die entsprechenden Aufgabenstellungen. Als Trainer diskutierst du mit jedem Athleten über seinen Plan. Im Moment sind wir ja alle auf Kurzarbeit gestellt. Da wird das über Videokonferenzen gemacht. In denen kriegst du viele Fragen. Warum soll ich das machen? Du musst viel reden. Das ist im Detail anstrengend, aber die Stunde mehr lohnt sich. Im Wettkampf kannst du als Trainer ja auch nur am Rand stehen und schreien, ausfechten muss ihn der Sportler alleine. Da muss er 110 000-prozentig davon überzeugt sein, dass sein Weg der richtige ist.
Haben Sie Vergleiche etwa mit den Topnationen wie den Norwegern?
In gewisser Weise sind die Norweger unsere Vorbilder. Auch wenn die Voraussetzungen dort andere sind. Hier hast du die Absicherung durch ein System hinter dir. Das gibt es in Norwegen so nicht. Da bist du als Sportler ein Unternehmer. Viel findet auf Vereins- oder auf individueller Ebene statt. Dabei gehen natürlich auch viele große Talente verloren, was dort nicht so schlimm ist. Weil dort Langlauf ein Stück weit Kultur ist und dadurch eine breite Anerkennung und Masse hat. Diese Masse haben wir nicht. Deshalb müssen wir einen Mittelweg zwischen System und Individualität finden.
Ist man als Leistungs-Langläufer in Deutschland nicht anerkannt?
Das ist ein bisschen die deutsche Mentalität. Wir wollen immer einen wirtschaftlichen Zweck sehen. Der ist beim Leistungssportler auf den ersten Blick nicht erkennbar. Deshalb muss man sich manchmal fast dafür rechtfertigen, vor allem wenn man nicht erfolgreich ist. Aber ich glaube, das ändert sich langsam. Weil eine Generation heranwächst, die den Wert von Sport für die Entwicklung erkennt. Das ist ja das Schöne gerade in unserem Sport, dass du den Menschen etwas fürs ganze Leben mitgeben kannst.
Dennoch steht und fällt viel mit dem Erfolg. Ihr Projekt ist voll auf die Heim-WM ausgerichtet. Machen Sie sich Sorgen, dass auch Oberstdorf 2021 gefährdet sein könnte, oder ist das zu weit weg?
Das ist überhaupt nicht weit weg. Natürlich macht man sich Gedanken. Viele glauben jetzt nach den Lockerungen, okay, wir haben es überstanden. Corona ist vorbei. Deutschland hat bis jetzt sicher vieles richtig gemacht. Aber wenn du in die Welt schaust, dann siehst du: Es ist nicht vorbei. Darauf müssen wir uns auch einstellen und beobachten, wie die Entwicklung weiter geht. Aber klar ist auch: Unser Fokus ist weiterhin voll auf der WM.
Schon jetzt deutet sich in vielen Sportarten an, dass Geldgeber kürzer treten. Der Automobilhersteller Audi etwa, der auch den DSV fördert, zieht sich aus der DTM zurück. Fürchten Sie ähnliche Probleme?
Dass die Krise eine massive wirtschaftliche Komponente hat, ist klar. Wir sind prinzipiell gut aufgestellt, aber natürlich müssen wir alles genau durchdenken: Was sind mögliche Einsparungsmaßnahmen? Worauf können wir notfalls verzichten? Wir machen uns schon einen Plan B. Und wenn der nicht nötig sein sollte, dann klopfen wir ihn eben in die Tonne. Aber ich glaube, dass wir in die Richtung in der momentanen Situation auch schon viel gelernt haben.
Zum Beispiel?
Zum Beispiel, effizienter zu arbeiten. Wir haben die Athleten nach der Saison in den Telefonkonferenzen im Zwei-Ohren-Prinzip zusammengeschaltet. Die haben im ersten Schritt ihre eigenen Auswertungen über die Saison gemacht. Im zweiten Schritt kam der Austausch mit dem Techniktrainer, im dritten mit dem Heimtrainer. Das haben wir so über den Tag verteilt. Ein bis zwei Stunden für jeden Athleten. Vorher hatten wir das in 15 Minuten durchgetaktet. Das Feedback war: So etwas haben wir noch nie erlebt. Das werden wir sicher weiter so machen.
Wie sieht denn derzeit das Training selbst aus? Sind die Lockerungen auch für sie schon spürbar?
Im Moment trainieren die Sportler im Heimtraining, das wäre ohnehin so gewesen. Aber dann geht es los. Es wird viel Aufwand getrieben, die Stützpunkte wieder nutzbar zu machen. In Bayern darfst du aber nur mit einer haushaltsfremden Person zusammen sein. In Thüringen ist es ein bisschen einfacher, dort dürfen schon fünf Sportler miteinander trainieren. Das ist von der Motivation und vom Emotionalen her natürlich einfacher. Die nächste Station ist dann: Wie sieht es mit Reisemöglichkeiten aus? Ein Höhentrainingslager in Italien im August sehe ich jetzt mal eher nicht. Wir müssen uns nach Möglichkeiten in Deutschland umsehen. Aber da sind wir mit der Skihalle oder mit den Bergen ganz gut aufgestellt. Wir müssen nur die Quartiere finden, in denen wir die Regeln entsprechend einhalten können.
Sehen Sie sich sportlich auf Kurs in Richtung Oberstdorf?
Was uns fehlt, das ist die Stabilität. Wir haben zu viele gesundheitliche Schwierigkeiten. Nur eine von 17 Athleten konnte das ganze Jahr durchtrainieren. Was wir auch nicht geschafft haben, ist auf den Punkt voll da zu sein – im letzten Jahr betraf das vor allem die Weltcups in Lahti, Oslo und Drammen. Das muss uns beim nächsten Jahr besser gelingen. Aber insgesamt sind wir auf einem guten Weg. Lucas Bögl, Jonas Dobler, Katharina Hennig und Victoria Carl haben ihre persönliche Bestleistung erreicht. Genau das hatten wir uns vorgenommen.
Interview: Patrick Reichelt