München – Die Corona-Krise hat auch den Betrieb am Bayern-Campus im Norden Münchens weitgehend lahmgelegt. Immerhin aber rollten dort, wo sonst die Talente von morgen geschliffen werden, Bagger und Kräne an. Im Sommer – so der Plan vor Ausbruch der Pandemie – erhält das Nachwuchsleistungszentrum des FC Bayern einen ganz besonderen Neuzugang: das so genannte „Skills Lab“, die neueste Generation eines Fußballsimulators.
Hinter diesem Begriff verbirgt sich ein spezieller Raum, der durch Kinobeamer in ein Ministadion verwandelt wird. Die Maße: rund 20 Meter Durchmesser und 320 Quadratmeter Spielfläche. Entwickelt wurde der Simulator von der österreichischen Firma Anton Paar SportsTec aus Graz. Geschäftsführer Johannes Tändl bezeichnet das Premiumprodukt seines Unternehmens selbstbewusst als „das weltbeste Fußball-Trainingssystem“.
Aber der Reihe nach: Per Tablet wählen Spieler und Trainer eine oder mehrere Übungen aus. Tändl erklärt: „Die Übungen geben einen Querschnitt aller fußballerischen Fähigkeiten, die ein Spieler haben sollte.“ Dazu gehören Basisübungen wie Passspiel, Kopfball oder Volleyschuss und Spielszenen, „die möglichst realitätsnah sind“ – etwa ein Doppelpass mit einem Mitspieler.
Insgesamt bietet der Simulator über 60 verschiedene Übungen in jeweils fünf Schwierigkeitsstufen. „Ein Beispiel: Den Torabschluss aus dem Rückraum kann ein Kind trainieren, aber auch Robert Lewandowski“, sagt Tändl. Das Kind würde sich zunächst auf Level 0 ausprobieren, Hobby- und Amateurkicker auf Level 1 oder 2. Der Geschäftsführer meint: „Ab Level 4 wird es richtig schwierig und für Laien unspielbar.“ Einige der Rekorde im Simulator am Grazer Firmensitz hält Schalke-Profi Michael Gregoritsch.
Zu Beginn jeder Übung erscheint ein grüner Kreis auf dem Boden, das Training startet, sobald der Spieler diesen betritt. Nach einem Countdown geht’s los. Ballmaschinen, die bis zu 130 km/h erreichen, beginnen ihre Arbeit. Tändl: „Der Nutzer muss bei einigen Übungen neben den fußballerischen auch die kognitiven Fähigkeiten unter Beweis stellen. Das kann in etwa so aussehen: Ringsherum laufen Mit- und Gegenspieler, der Nutzer muss nun so schnell wie möglich erkennen, auf welchen Leinwänden eine Überzahlsituation zu sehen ist.“
Bereits während der laufenden Übung bekommt der Kicker eine Rückmeldung. „Bei jedem geschossenen oder gepassten Ball zeigen Farben von Rot bis Grün an, ob und wie genau das Ziel getroffen wurde“, erklärt Tändl. „Außerdem sammelt der Spieler unterschiedlich viele Punkte.“ Die Statistiken werden live geführt, sie erscheinen auf der sechsten Wand des Mini-Stadions. Auf die anderen fünf Wände wird gespielt. Hinter der Datensammlung steckt „die Idee, mit hochmoderner Mess-Sensorik und Algorithmen Leistungsparameter zu bewerten und die Entwicklung vorhersagen zu können“.
Darauf baut auch der FC Bayern. Sportdirektor Hasan Salihamidzic sagte über den Fußballsimulator: „Unser Ziel ist es, die Leistung jedes unserer Talente zu erfassen und damit zusätzliche Grundlagen für die individuelle Förderung zu schaffen.“ Eine Delegation aus München schaute sich das „Skills Lab“ in Graz an, der Hersteller konnte punkten – unter anderem mit einem simulierten Pfeifkonzert. Das ist viel mehr als eine Spielerei, wie Tändl am Beispiel Elfmeterschießen erklärt: „Werden die Spieler vom System ausgepfiffen, performen sie in der Regel um ein paar Prozent schlechter.“ Und die Talente können schließlich nicht früh genug darauf vorbereitet werden, was ihnen eines Tages womöglich in einem Bundesliga-Stadion blüht.
Die Kosten für das Wundergerät sollen im niedrigen siebenstelligen Bereich liegen. Bisher nutzt weltweit nur ein Verein das Produkt, das derzeit in München entsteht: Drittligist FC Ingolstadt. Auch beim polnischen Traditionsklub Lech Posen wird gerade gebaut, in San Francisco verzögert die Corona-Krise die Fertigstellung.
Schaltet man die Zuschauerreaktionen im Simulator aus, lassen sich übrigens auch Geisterspiele nachempfinden. Keine schlechte Option in diesen Tagen.