Fußballbetrieb war ja immer, sogar in den Jahren der beiden Weltkriege ist irgendwie gekickt worden. Auch deshalb haben wir die vergangenen Wochen als so einschneidend und anders als alles je Dagewesene empfunden: Weil nirgendwo der Ball rollen und fliegen durfte, noch nicht einmal auf der Wiese im Park. Weil in einer Mannschaft, dem sozialsten aller Konstrukte, sich zusammenzufinden plötzlich asozial und verboten war. Dass die Werteordnung derart auf den Kopf gestellt wurde, damit wird es ab heute wohl vorbei sein. Von den Politikern in Bund und Ländern wird erwartet, dass sie den Profis gestatten, bald wieder spielen zu dürfen.
Man sollte sich aber über einige Punkte im Klaren sein. Eine „Rückkehr zur Normalität“ wird die Wiederaufnahme des Bundesligabetriebs nicht sein. Spiele ohne Zuschauer sind alles andere als Normalität, sie sind vielmehr ein Mahnmal des Ausnahmezustands. Ihre einzige Legitimation ist die wirtschaftliche Notwendigkeit. Was aber noch nicht abzuschätzen ist: Ob diese Art von Fußball, die wir zu sehen bekommen werden, die emotionale Bindung zwischen Fans und Spiel aufrechterhalten kann. Denkbar ist, dass der Fußball für diese Zeit der Geisterspiele und auch für danach einen Teil seines Publikums verliert, es sich ausgeboomt hat und er eine Nummer kleiner sein wird. Vielleicht wird er im Rückblick sagen, dass es besser gewesen wäre, länger zu warten, bis Fußball wieder echt sein kann und keine Simulation von Fußball.
Bedenken sollten die Ministerpräsidenten und die Bundesregierung: Fußball ist der größte Sport, aber nicht die Nation komplett umfassend. Selbst ein WM-Endspiel mit deutscher Beteiligung sieht sich die Hälfte gar nicht an, Champions League, inzwischen ein reines Pay-TV-Produkt, und Bundesliga liegen sehr weit darunter. Nicht alle brauchen den Fußball – und in fußballaffinen Kreisen wird sein Treiben auch zunehmend kritisch gesehen.
Eine Genehmigung von Profifußballbetrieb kann nur Akzeptanz finden, wenn die Politik ihm keine absolute Sonderstellung einräumt. Es gibt viele kontaktärmere Sportarten, die die besseren Argumente haben, wieder vollumfänglich zugelassen zu werden. Wenn die Politik bei einer Lockerung Ungerechtigkeiten schafft, wird sie sich nachsagen lassen müssen, ein Lobbyist des Fußballs zu sein. Diesen Ruf sollte sie nicht haben wollen.
Guenter.Klein@ovb.net