München – Corona-Lockdown bei 1860 bedeutet: Interviews dürfen geführt werden, aber nur noch per E-Mail. Wir haben Michael Köllner, 50, schriftliche Fragen vorgelegt und festgestellt, dass der Erfolgstrainer auch ausführlich und unterhaltsam Stellung nimmt, wenn er den Reportern nicht gegenüber sitzt.
Herr Köllner, haben Sie schon einen Termin beim Friseur vereinbart?
Bisher noch nicht. Ich kann mir noch nicht so recht vorstellen, wie es ist, mit einer Mund-Nasen-Schutzmaske die Haare geschnitten zu bekommen. Daher geht erst einmal mein Co-Trainer Günter Brandl zum Friseur und ich warte ab, was er danach berichtet (lacht).
In die Kirchen darf man ja auch wieder gehen . . .
Ich war bereits am Montagabend in der Kirche St. Maximilian im Glockenbachviertel – beim Pfarrer Rainer Maria Schießler, einem bekennenden Sechzig-Fan. Es war sehr schön, nach so vielen Wochen wieder einen Gottesdienst besuchen zu können. Das Kerzenanzünden übernimmt meine Frau. Sie zündet immer Kerzen für unsere Familien an und dafür, dass verstorbene Seelen ins Licht zurückkehren.
Wie weit ist Ihr Umzug nach München vorangeschritten?
Mein Umzug ist abgeschlossen. Seit knapp zwei Wochen sind wir fest in München und fühlen uns in unserem neuen Zuhause superwohl.
Was machen Sie an den spielfreien Wochenenden?
Ich nutze die Zeit, sitze größtenteils zu Hause, plane das Training für die nächsten Wochen, mache Rahmenpläne. Das erfordert schon viel Zeit. Ansonsten nutze ich die Tage, um Sport zu machen. Ich hoffe, dass mein Fahrrad, das ich zur Reparatur abgegeben habe, bald wieder fahrtüchtig ist. Es ist bald 30 Jahre alt und ich möchte es gerne in München wieder fahren.
Schauen Sie als Ersatzprogramm alte Spiele im TV?
Nein, ich schaue mir grundsätzlich keine früheren Spiele an, sondern richte meinen Blick nach vorne. Alte Spiele in Konserven finde ich nicht so gut, sondern erfreue mich lieber an etwas, von dem ich nicht weiß, wie es ausgeht. Deswegen hoffe ich, dass es bald wieder neue Spiele im Fernsehen gibt, wo das Ende noch nicht klar ist, weil es Live-Spiele sind.
Wen oder was können Sie im Fernsehen gar nicht mehr ertragen?
Alle Themen rund um Corona kann ich nicht mehr hören. Gefühlt wird der komplette Medienalltag von diesem negativen Thema dominiert. Natürlich ist es wichtig, sich zu informieren, aber das kann man gezielt und punktuell zu festen Zeiten am Tag machen, um nicht sein komplettes Mindset von diesem Thema einnehmen zu lassen.
Zum Fußball: Mit welchen Gefühlen blicken Sie dem Neustart entgegen?
Ich bin für mein Leben gerne Fußballtrainer, liebe den Fußball und meinen Trainerjob bei den Löwen. Daher bin ich froh, wenn ich meinem Beruf wieder vollumfänglich nachgehen kann, auch wenn es anders sein wird als bisher. Die Zuschauer würden uns mit Sicherheit fehlen, aber es wäre schön, mit meiner Mannschaft wieder auf den Platz gehen zu können.
Wie schwer ist es, in der Krisenpause den Teamgeist aufrechtzuerhalten?
Aktuell würde ich sagen, dass es nicht so schwer ist. Wir tun alles dafür, dass der Teamgeist hoch bleibt, indem wir die Spieler ständig mitnehmen und versuchen, sie intellektuell anzusteuern.
Gehen Ihnen die Motivationsgeschichten für die Spieler langsam aus?
Nein, ich habe ein großes Repertoire, das ich ständig erweitere. Ich lese viele Bücher unter diesem Aspekt. Die Frage ist eher, welche Geschichte zu welchem Tag passt. Da bin ich stets auf der Suche, lese vor allem am Abend viel und hoffe schon, dass ich immer die richtige Geschichte für die Spieler finde, die zum jeweiligen Tag und zur jeweiligen Situation passt.
Mit welcher Geschichte können Sie sich selbst motivieren?
Ich habe eine Lieblingsgeschichte: „Spuren im Sand“ von Margaret Fishback Powers. Die hat mir bislang durch mein Leben geholfen. Wenn es um Bücher geht, ist „Der Alchimist“ von Paulo Coelho für mich grundsätzlich eine Lebensgeschichte, die mir als kleineres Buch viel Halt gibt. Bei größeren Büchern ist die Bibel eine ganz, ganz große Geschichte, die einen motiviert, die einem hilft.
Was macht Ihnen Hoffnung auf einen Wertewandel im Profifußball und allgemein in der Gesellschaft? Worauf sollten wir auch nach der Corona-Krise verzichten?
Der größte Anker in meinem christlichen Glauben und in meiner Wertevorstellung ist die Liebe. Aus ihr kann man eigentlich alles ableiten – das beziehe ich nicht nur auf den Profifußball. Die Liebe zur Natur geht einher mit dem Stichwort Klimawandel. Die Liebe zu unserem eigenen Körper charakterisiert das Thema Gesundheit, welches ein großes im Zuge der Pandemie ist. Liebe zu unseren Mitmenschen beschreibt die Achtsamkeit im Miteinander. Und auch Themen wie Genügsamkeit, Demut und Lebenseinstellung lassen sich aus der Liebe ableiten. Ich hoffe, dass die Gesellschaft und grundsätzlich die Menschheit das Thema Liebe wieder mehr in den Vordergrund stellt. Gerade jetzt, wo man zur Ruhe gekommen ist, die Welt innegehalten und hoffentlich auch reflektiert hat. Nach dem Oberbegriff Liebe kann man sein ganzes Leben ausrichten und findet darin ganz sicher die richtigen Werte und die richtige Einstellung für seinen persönlichen Weg.
Der Weg der Löwen zeigte bis zur Pause steil nach oben. Sascha Mölders sagte auf Instagram: „Löwen und Zebras steigen auf.“ Schließen Sie sich dieser Einschätzung an?
Natürlich wäre das die Krönung schlechthin für diese Saison, insofern möchte ich meinem Torjäger da nicht zu vehement widersprechen. (lacht). Aber im Ernst: Es ist schön, dass wir in der Situation sind, dass sich Menschen mit dem Thema Aufstieg für 1860 München beschäftigen. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg.
Interview: Uli Kellner und Ludwig Krammer