Londrina – China, New York, Spanien, Italien. Die Hotspots der Corona-Pandemie sind beziehungsweise waren auf der Nordhalbkugel zu finden, doch wie sieht es eigentlich in Brasilien aus, dem fünfgrößten Land der Erde? Giovane Elber, früherer Stürmerstar des FC Bayern, weilt in seiner Heimat und berichtet von zum Teil erschreckenden Verhältnissen. „Die Situation hier macht mir wirklich Angst“, sagt der 47-Jährige.
Ihm selber gehe es gut, beteuert Elber im Gespräch mit unserer Zeitung: „Ich bin mit meiner Familie zu Hause. Wir waren einige Tage auf meiner Farm, jetzt sind wir seit einer Woche wieder in der Stadt, in Londrina.“ Dort, so Elber, halte eine trügerische Normalität Einzug: „Obwohl schon sehr viele Menschen gestorben sind, sollen die Geschäfte wieder geöffnet werden. Die Todeszahlen sind mittlerweile höher als in China.“
Verantwortlich dafür: Präsident Jair Bolsonaro, an dem Elber kein gutes Haar lässt. „Er glaubt offensichtlich, er sei der Sohn von Donald Trump. Er hat anfangs gesagt, dass das Coronavirus nur wie eine normale Grippewelle sei. Bolsonaro ist selbst in die Städte gefahren, hat sich dort mit Menschen getroffen und die umarmt – als sei gar nichts passiert. Das macht mir Sorgen und Angst. Immerhin: Viele Brasilianer haben verstanden, dass es jetzt erst mal darum geht, gesund zu bleiben. Die Arbeitslosen erhalten 100 Euro monatlich vom Staat. Ich finde aber, das ist noch zu wenig.“
Elbers Vorschlag: Eine Umverteilung vorhandener Gelder. „Es gibt hier in Brasilien einen Fonds für die Parteien, damit sie vor den Wahlen die Werbung und den Wahlkampf bezahlen können. Ich glaube, jetzt wäre die Zeit gekommen, nicht über Politik nachzudenken, sondern darüber, wie man der Bevölkerung helfen kann. Das Geld sollte zum Beispiel an die Krankenhäuser gehen.“
Elber ergeht es wie so viele Menschen in diesen Zeiten: Er entdeckt in den eigenen vier Wänden bislang unbekannte Seiten an sich selbst. „Mein neues Hobby ist Kochen“, sagt der Brasilianer: „Ich habe viel Zeit, die ich mit meiner Familie verbringen kann. Wir alle essen und trinken gerne, verbringen schöne Nachmittage und Abende zusammen. Ich habe in meinem Garten auch ein Beachvolleyball-Feld, das wir nutzen. Nebenan gibt es einen Golfplatz, auf dem man jetzt wieder zu zweit spielen darf. Ich kann die Zeit also nutzen, um Golf zu lernen.“
Trotz seiner ausgefüllten Tage vermisse er München, betont Elber: „Ich habe den letzten Flug nach Brasilien genommen – mit dem Gedanken, dass ich in drei, vier Wochen wieder zurück nach Deutschland kann. Bis jetzt weiß ich aber nicht, wann ich wieder nach München reisen darf.“ Elber geht davon aus, dass die Pandemie, die in Brasilien „in vollem Gange“ sei, einen Strich durch die Rechnung machen könnte: „In den großen Städten wie Manaus, Sao Paulo und Rio de Janeiro sind die Krankenhäuser alle überfüllt. Bei uns geht es jetzt erst richtig los.“
Er selbst ist dankbar, dass er zur privilegierten Schicht in seiner Heimat zählt und durch seine erfolgreiche Zeit als Fußballprofi genug Geld auf die Seite legen konnte. So könne er auch diese Krise mit seiner Familie überstehen – ohne jedoch die Armen aus dem Blick zu verlieren: „Andere Menschen wissen nicht, was sie morgen essen können. Das macht mich sehr traurig.“ JONAS AUSTERMANN