Vettels Abschied bei Ferrari

Enttäuschte Hoffnungen

von Redaktion

DANIEL MÜKSCH

Pressemitteilungen zum Abschied sind mit Vorsicht zu genießen. Selten spiegeln sie die wahre Gefühlslage der Beteiligten wieder. Sie entstehen eher mit der Absicht, alle vertraglichen Verpflichtungen zu erfüllen und arbeitsrechtliche Forderungen wie Abfindungen oder Prämienansprüche nicht zu gefährden.

Daher sind die Worte des Formel-1-Piloten Sebastian Vettel in der offiziellen Ferrari-Bekanntmachung zu seinem Abschied nach dieser Saison erstaunlich. Der gebürtige Heppenheimer lässt sich mit den Sätzen zitieren: „Um die bestmöglichen Ergebnisse in diesem Sport zu erzielen, ist es für alle Beteiligten wichtig, in perfekter Harmonie zu arbeiten. Das Team und ich haben gemerkt, dass es nicht mehr den gemeinsamen Wunsch gab, über das Ende dieser Saison zusammenzubleiben.“

Immer noch blumig formuliert, aber zwischen den Zeilen ist nicht zu verkennen: Die Chemie zwischen dem viermaligen Weltmeister und der Scuderia stimmt nicht mehr. Wahrscheinlich hat sie sogar nie richtig gestimmt. Die Hoffnungen, die der Traditionsrennstall in den 32-Jährigen gesetzt hatte, als Vettel 2015 im Cockpit der Roten Platz nahm, konnte der vorherige Red-Bull-Fahrer nie erfüllen. Am wenigsten in der vergangenen Saison, als er nur Fünfter der WM-Wertung wurde und ihn sein aufstrebender, juveniler Ferrari-Teamkollege Charles Leclerc, 22, überholte.

Der riesige Schatten von Rekordweltmeister Michael Schumacher war zu mächtig. Als zweimaliger Vize-Weltmeister konnte Vettel den legendären Landsmann nicht aus den Köpfen der anspruchsvollen Ferrari-Jünger vertreiben. Auch bei Schumacher war es keine Liebe auf den ersten Blick gewesen. Der Kerpener fuhr sich erst mit seinen ersten WM-Titeln Anfang der 2000er in die Herzen der Südeuropäer. Das ist Vettel nie gelungen. Vettel und Ferrari – die Liaison wird als Missverständnis in die Rennsport-Geschichte eingehen. Ähnlich wäre es, wenn der FC Bayern Cristiano Ronaldo verpflichtet hätte und in sechs Jahren mit dem Superstar nicht ein einziges Mal Deutscher Meister geworden wäre.

Wenigstens wissen nun alle Beteiligten früh genug, woran sie sind. Und da die Formel 1 willens ist, eine Saison auch unter Corona-Einfluss zu starten, hat Vettel nun die Chance, mit erhobenem Haupt Ferrari „Arrivederci“ zu sagen. Das gelingt ihm aber nur als Weltmeister.

Daniel.Mueksch@ovb.net

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