München – Es steht nicht gut um Werder Bremen, dieses uralte Stück Bundesliga, Zweiter der Ewigen Tabelle, aber nun massiv vom Abstieg bedroht. Siebzehnter, vier Punkte weg vom Relegationsplatz. Die Aussichten werden auch dadurch bestimmt, dass Werder der letzte Verein war, der wieder ins Training einsteigen durfte, und dass der Mannschaft Fans im Stadion noch schmerzlicher fehlen werden als Teams an anderen Standorten. Vor zwei Jahren war man ja auch schon fast weg vom Fenster, die vom Anhang initiierte Aktion „Green-White Wonderwall“ bewirkte den Schulterschluss: Die Stadt, der Verein, die Spieler, alles Werder.
Nun sind andere Zeiten. Geisterspiele ante portas. Wer kann helfen? Die internen Kräfte scheinen nicht mehr zu genügen. Bremen holt also jemanden von außen. Einen, der nicht Fußball an sich lehrt, sondern an die Psyche geht. Einen Mentalcoach. In diesem Fall einen – ja, kann man sagen – Guru: Jörg Löhr, 58. Geboren in Berlin, aufgewachsen in Augsburg, wo er seine Firma hat und früher auch zwei Fitnessstudios betrieb, sportlich erfolgreich als Handballer (94 Länderspiele) bei Wallau-Massenheim und in Milbertshofen; er lebt in München. Sich und seine Leute nennt er „in den Bereichen Erfolg, Motivation und Persönlichkeit den führenden Seminaranbieter im deutschsprachigen Raum“.
Wie wird er vorgehen in Bremen? Der „Augsburger Allgemeine“ sagte er, über seine Arbeit sei Stillschweigen vereinbart, es würden immer „individuelle Konzepte erstellt“. In seinem Auftreten auf Seminaren wirkt er wie Gerhard Höller, der vor knapp 20 Jahren von Christoph Daum bei Bayer Leverkusen in den Fußball geholt wurde. Höller ließ seine Kundschaft barfuß über glühende Kohlen laufen – das hat Löhr auch schon gemacht, als ihn mal die Augsburger Panther, der Eishockeyverein vor der Tür seiner Firma, engagierten. Es ging damals schnell aufwärts, doch wie nachhaltig Löhrs Einfluss ist, lässt sich nicht eindeutig bestimmen.
2012/13 arbeitete er für den FC Augsburg (wo er auch Mitglied ist). Das wurde damals aber nicht an die große Glocke gehängt und kam erst über ein Jahr danach raus, als der entlassene Manager Jürgen Rollmann den FCA verklagt hatte. Zur Einigung gehörte dann auch, dass der Verein in einer Pressemitteilung die Verdienste Rollmanns würdigen musste. Zu ihnen gehörte, Jörg Löhr verpflichtet zu haben. Jedenfalls blieb Augsburg nach einer starken Rückrunde in der Liga.
Auch Bremen hatte Löhr schon geholfen. 2011, ebenfalls im Abstiegskampf. Trainer Thomas Schaaf und Manager Klaus Allofs luden ihn ein. Torsten Frings, wichtigster Werder-Spieler jener Zeit, nannte Löhr „einen coolen Typen“. Löhr denkt, wohl wegen des Erfolgs von vor neun Jahren sei er nun wieder ins Spiel gekommen. Bekannt geworden in seiner Rolle als Motivator war er 2007 beim WM-Erfolg der deutschen Handballer.
Auch ohne Werder wäre Jörg Löhr wohl ausgebucht, wie sein Bruder Frank, ehemaliger Co-Trainer der Handball-Nationalmannschaft und nun ebenfalls Mitarbeiter der Firma, mitteilt: „Die aktuelle Situation macht erfreulicherweise durch viele berufliche Anfragen für Webinare und Online-Kurse die Zeitfenster extrem eng.“ Meister Löhr zu erleben ist nicht billig. Fünftägige Ausbildung „zum Trainer und Speaker“: 11 990 Euro. Der Online-Kurs „Inspire Your Life“ ist für 149 (statt 349) Euro gerade im Angebot. Und man findet gratis Videos im Netz, auf denen Löhr vor großem Auditorium sich in Comedy versucht – was aber eher so simpel wie bei Mario Barth gerät.
Regelmäßig versorgt er seine Anhänger mit einem Podcast („Einfach mehr Erfolg“). Ein aktueller widmet sich der Corona-Zeit. Entscheidend sei nun ein „Growth Mindset“, wie ein Pfadfinder müsse man jetzt mit einem Brennglas das Feuer entzünden. „Frage nicht, wie tief wir fallen, sondern wie hoch wir nach der Krise zurückfedern. In Krisenzeiten werden Sieger geboren.“ Das werden sie in Bremen schon mal gerne hören.