Zerrüttete Beziehung

von Redaktion

Sebastian Vettel kehrt Ferrari nach dem Ende der Saison den Rücken

Maranello – Das Ende der einstigen Traum-Ehe der Formel 1 verkündeten Sebastian Vettel und Ferrari mit kühlen Belegen für die zerrüttete Beziehung. Von fehlender „Harmonie“ und dem richtigen Zeitpunkt für einen Schlussstrich war die Rede in einer Mitteilung, die gestern die spektakuläre Trennung offiziell machte und die Königsklasse erschütterte.

Der viermalige Weltmeister und die stolze Scuderia – was 2015 als vermeintlich perfektes Match seinen Anfang nahm, wird nach der Saison 2020 enden. „Das Team und ich haben gemerkt, dass es nicht mehr den gemeinsamen Wunsch gab, über das Ende dieser Saison zusammenzubleiben“, sagte Vettel.

Beide Seiten wurden sich bei Gesprächen über eine Verlängerung des auslaufenden Vertrages nicht einig. Vettel betonte hierbei: „Finanzielle Gründe haben bei dieser Entscheidung keine Rolle gespielt. So denke ich nicht, wenn es darum geht, bestimmte Entscheidungen zu treffen, und das wird auch niemals so sein.“

Nach Informationen unserer Zeitung spielten zwei andere Gründe eine entscheidende Rolle. Erstens: Vettel glaubt, dass die interne Ferrari-Politik zu stark gegen ihn spricht. Sein Teamkollege Charles Leclerc (22), der von Nicholas Todt, dem Sohn des FIA-Präsidenten und Ex-Ferrari-Teamchef Jean Todt gemanagt wird, hat 2019 mehrere interne Absprachen mit dem Hessen gebrochen. Trotzdem gilt der Monegasse als Ferrari-Mann der Zukunft, der die bedingungslose Unterstützung des Teams genießt.

Zweitens: Vettel zweifelt an der Konkurrenzfähigkeit von Ferrari, falls die Scuderia sich an die Regeln hält. 2018 und 2019 konnten die Italiener nur mit Mercedes und Red Bull mithalten, weil ihr Motor jenseits der Legalität lief. Mithilfe der Spezialisten für Antriebssysteme von AVL (Anstalt für Verbrennungskraftmaschinen List) aus Graz hat Ferrari Systeme am Hybridmotor eingesetzt, die nicht reglementkonform waren. Nach einer „privaten“ Absprache mit der Motorsportbehörde FIA musste Ferrari gegen Ende 2019 den Motor wieder ändern. Die Folge: Die Zusatz-PS waren genauso weg wie die Konkurrenzfähigkeit. Vettel will aber nicht als Fahrer dastehen, der mithilfe von Tricks gewinnt.

Die Differenzen zwischen dem Deutschen und seinem Team sind jedenfalls zu groß geworden. Nach 103 Grand Prix und 14 Siegen für die Roten vermisste Vettel offenbar die Anerkennung.

Der Hesse dankte dem Ferrari-Team in einer Mitteilung zwar, ließ seine Frustration aber zwischen den Zeilen durchblicken. „Um in diesem Sport das bestmögliche Ergebnis einzufahren, ist es für alle Parteien wichtig, in perfekter Harmonie zu funktionieren“, sagte er.

Scuderia-Teamchef Mattia Binotto betonte, es habe keinen spezifischen Grund für die Trennung gegeben, außer dem gemeinsamen Glauben, „dass die Zeit gekommen ist, getrennte Wege zu gehen, um unsere jeweiligen Ziele zu erreichen“.

Völlig unerwartet kommt Vettels Abschied nicht. Der 32-Jährige, zuvor viermal Weltmeister mit Red Bull, war nach Maranello gekommen, um den darbenden Rennstall wieder zum Titel zu führen. Gegen Mercedes und Lewis Hamilton gelang das bislang nicht. Vettels Wunsch, wie sein Idol Michael Schumacher beim berühmtesten aller Rennställe den WM-Thron zu besteigen, blieb in fünf Jahren unerfüllt. Dies, die vielen Patzer im Vorjahr und die starken Auftritte des jungen Teamkollegen Leclerc haben seine Stellung im Team geschwächt.

Wie es ab 2021 mit Vettel weitergeht, ist völlig unklar. Dem Renault-Werksteam wird ebenso wie McLaren Interesse am Deutschen nachgesagt. Anlass zu Spekulationen gab gestern zudem Mercedes-Teamchef Toto Wolf, der in einer Stellungnahme ein Engagement von Vettel zumindest nicht ausschloss. „Mit Blick auf die Zukunft sind wir in erster Linie gegenüber unseren aktuellen Mercedes-Fahrern zu Loyalität verpflichtet“, erklärte Wolff auf die Frage, ob Mercedes versuchen werde, Vettel zu verpflichten. „Aber wir können diese Entwicklung natürlich nicht außer Acht lassen.“ Wolff lobte Vettel zudem als „großartigen Fahrer“ und „große Persönlichkeit“. Der Heppenheimer sei „für jedes Formel-1-Team eine Bereicherung“. RALF BACH/sid

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