Rückenwind zum Neustart

von Redaktion

Kimmichs Bilanz aus der Krise: Vorbildrolle und designierter Bayern-Kapitän

VON HANNA RAIF

München – ,Sag mir, was du liest, und ich sage dir, wer du bist´, so heißt es ja gerne. Aber es hätte freilich keinen Sinn, diesen Satz in einer groß angelegten Bundesliga-Spieler-Studie zu überprüfen. Allzu viele Leseratten gibt es in diesem speziellen Beruf nicht, also kann man nur einzelne Fälle heranziehen. Joshua Kimmich zum Beispiel.

Im Teamhotel „Infinity“ führt sich der 25-Jährige den Bestseller „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ von Historiker Yuval Noah Harari zu Gemüte. Kimmich beschäftigt sich mit Themen wie der Krise der Demokratie, der Zukunft Europas und dem Aufkeimen des Nationalismus. Ziemlich weitsichtig für einen Fußball-Profi, aber trotzdem wenig überraschend. Kimmich möchte wissen, was die Zukunft bereithält. Neben dem Platz wohlgemerkt. Denn jene, die ihm auf dem Platz bevorsteht, ist sowieso vorbestimmt.

„Ich bin überzeugt, dass Joshua Kimmich eines Tages unser Kapitän wird“, sagte Karl-Heinz Rummenigge gestern der „Sport Bild“. Der Vorstandsboss sprach damit aus, was an der Säbener Straße längst kein Geheimnis mehr ist. Kimmich ist nicht nur ein überragender Fußballer, sondern auch ein Wortführer weit über die Grenze des Rasens hinaus. Führungsqualitäten „verkörpert er auf und außerhalb des Platzes“, führte Rummenigge aus. Ähnlich übrigens sieht es Matthias Sammer, der im Buch „Mensch Trainer“ mit Blick auf die deutsche Nationalmannschaft äußert: „Für mich ist klar, dass Joshua Kimmich der Leader dieser Mannschaft werden kann.“

Kimmich sagt, was er denkt, er spricht aus, was er gerne los werden will. Dass das manchmal auch wunde Punkte sein können, weiß man. Nach einer Generalkritik im Herbst und anschließendem Rüffel von Rummenigge stellte er klar: „Mich verbiegt keiner.“ Punkt.

In den vergangenen Wochen hat der Nationalspieler vor allem wegen der gemeinsam mit Leon Goretzka initiierten Solidaritätsaktion „We kick Corona“ und mehr als vier Millionen Euro Spenden für Schlagzeilen gesorgt. Wenn nun am Sonntag bei Union Berlin (18 Uhr) der Ball für Bayern wieder rollt, kommt er als Corona-Vorbild und designierter Nachfolger von Manuel Neuer zurück auf den Platz. Nichts, aber auch gar nichts hat der junge Familienvater inzwischen noch gemein mit jenem Burschen, der sich nach seinem Startelf-Debüt für die Bayern vor viereinhalb Jahren im schnuckeligen Stadion von Darmstadt nervös den Fragen der Reporter stellte. Allerdings war da schon auffällig, dass Kimmich gleich sprechen durfte – während andere junge Spieler oft lange einen Maulkorb verpasst bekommen.

Auf dem Platz ist Kimmich seit der Versetzung ins Mittelfeld sowieso schon der Chef. Bei der vorletzten Partie der Bayern vor der Corona-Pause – dem Viertelfinalsieg im DFB-Pokal auf Schalke – spielte er überragend. Man muss kein Prophet sein, um für die Zukunft die Prognose zu wagen: Fortsetzung folgt.

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