München – Hansi Flick bekam die Fragen per Mail. Weil wegen der Corona-Krise den bei Geisterspielen anwesenden Journalisten der Zugang zur obligatorischen Pressekonferenz untersagt ist, können sie ihre Fragen an die Trainer bis 15 Minuten nach Abpfiff per Online-Formular senden, die im Anschluss von den jeweiligen Pressesprechern vorgelesen werden. Die Antworten werden via Ergebnis-Anzeigetafel ausgespielt. Nach dem 2:0-Sieg gegen Union Berlin im ersten Geisterspiel der Bundesliga-Geschichte des FC Bayern stellten sich freilich viele Fragen. Die letzte virtuelle Wortmeldung lautete: „Wie lange wird es dauern, bis wieder die alte Dominanz Ihres Teams zu sehen sein wird?“
Flick atmete kurz durch, um dann freundlich, aber bestimmt zu antworten: „Ich glaube, wenn man 70 Prozent Ballbesitz hat, dann ist schon eine Dominanz da.“ Danach verwies der Münchner Fußballlehrer auf viele nicht genutzte Großchancen und ein zu schlampig gespieltes Umschaltspiel: „Das sind Dinge, die wir ändern müssen.“
Ähnlich sah es Thomas Müller: „Wir sind hier ganz klar mit dem Ziel angereist, die drei Punkte mitzunehmen. Das haben wir geschafft. An der einen oder anderen Stelle haben wir sicherlich noch Luft nach oben.“
Die Bayern sind für die nächsten Spiele also gewarnt. Auch die Konkurrenz hat während der Corona-Unterbrechung gut gearbeitet – vor allem die noch einzig verbliebene Titel-Konkurrenz: Borussia Dortmund. Der 4:0-Sieg gegen Schalke bestätigt das.
Gewinnen die Münchner am Samstag ihr erstes Geister-Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt und legen am Dienstag in Dortmund nach, sind sie auf dem besten Weg zum Geister-Meister! Im Idealfall beträgt der Vorsprung auf den BVB dann sieben Punkte. RB Leipzig hat sich durch das Remis gegen den FC Freiburg wohl endgültig aus dem Titelrennen verabschiedet; aktuell liegt sogar Borussia Mönchengladbach wieder vor den Sachsen.
Kapitän Manuel Neuer mahnt trotzdem: „Wir haben jetzt eine neue Situation, damit muss man erst einmal klarkommen. Wir haben jetzt einen von neun Spieltagen hinter uns, da kann noch einiges passieren. Man darf keine Mannschaften, gerade, wenn sie so stark sind wie Leipzig, abschreiben.“
Allerdings ist es trotz des reibungslos verlaufenen ersten Spieltags nach der Corona-Unterbrechung immer noch möglich, dass die Liga noch vor dem 34. Spieltag abgesagt wird. Da wirkt ein Sieben-Punkte-Polster auf den ärgsten Titel-Rivalen aus Dortmund wie eine Meisterschalen-Garantie.
Das Gipfeltreffen am 26. Mai in Dortmund wird für den deutschen Rekordmeister also entscheidend. Auch wenn es gegen Schalke so wirkte, als ob die Dortmunder ohne Zuschauer befreiter aufspielen konnten, ist es gut möglich, dass der nicht vorhandene Stimmungsfaktor zum Vorteil für den FC Bayern werden kann. „Natürlich hat das etwas von ‚alte Herren 19.00 Uhr bei Flutlicht’-Atmosphäre. Vielleicht war das dann heute für uns auch ein kleiner Vorteil, weil natürlich gerade hier die Stimmung schon das Zünglein an der Waage sein kann“, resümierte Thomas Müller nach dem Auftritt bei Union – und dachte dabei bestimmt schon an den verwaisten Signal Iduna Park.