Der Mann, der den „Djoker“ Effizienz lehrte

von Redaktion

Gebhard Gritsch ist ein sportverrückter Weltbummler – berühmt wurde er an der Seite von Novak Djokovic

VON DANIEL MÜKSCH

Wien – Novak Djokovic ist sauer. Mächtig sauer. Kein Schlag geht ihm leicht von der Hand. Er spürt den Ball einfach nicht. Horror für einen Tennisspieler – für einen der Besten der Welt erst recht. Ein zusätzlicher Stachel: Zwei Plätze weiter auf der Trainingsanlage in Montreal schwingt Roger Federer gleichzeitig das Racket. Und jeder Schlag des Schweizers gleicht einem Kinderspiel. „Schau mal rüber“, zischt Djokovic in Richtung seines glatzköpfigen Teammitglieds, „bei Roger sieht alles einfach und locker aus. Er investiert so wenig in eine einzelne Bewegung und bekommt so viel heraus.“

Der Angesprochene heißt Gebhard Gritsch, 63, ist Österreicher und freut sich innerlich über die Frustration seines Schützlings. Denn: Das erste Mal während seiner Arbeit mit dem Serben hat der Tennisprofi von sich aus den Knackpunkt seines Spiels erkannt – die mangelhafte Effizienz.

Seit gut einem halben Jahr reist der Tiroler zu dieser Zeit (August 2009) mit Djokovic um die Welt. In Kanada trägt die neue Konstellation noch keine Früchte. Djokovic scheidet im Viertelfinale gegen den US-Amerikaner Andy Roddick aus. Für den Perfektionisten Djokovic eine Katastrophe. Nicht für seinen neuen Fitness-Trainer und Berater aus der Alpenrepublik. Wichtiger als das Resultat ist ihm die Selbsterkenntnis seines Schützlings, das In- und Output bei ihm in keinem guten Verhältnis stehen. „Von da an waren wir auf einer Linie. Mit Novaks Talent und seinem Ehrgeiz war ich mir sicher: Jetzt kann das was ganz Großes werden.“

Gritsch sollte Recht behalten. Doch bis er einen der besten Tennisprofis der Welt zu einem der größten Athleten der Geschichte formen konnte, war es für ihn ein weiter Weg. Dieser führt von Österreich über die Philippinen nach Hong Kong bis nach Neuseeland und wieder zurück nach Österreich.

In der kleinen Tiroler Gemeinde Silz lernt Gritsch das Tennisspielen. „Damals kam der Sport erst auf. Alle mussten das Spiel erst lernen. Da war man schnell unter den Besten“, erinnert sich der zweifache Familienvater. Doch in ihm schlummert mehr als nur eine Bezirksmeister-Karriere. Schnell gehört er zu den größten Talenten Tirols. Bis ihn ein Rodelunfall ausbremst. Mit 17 Jahren schmeißt es ihn von der Piste. Kreuzbandriss. Sein rechtes Knie ist nicht mehr stabil. Bis heute. „Aus einer Ecke kann und konnte ich immer gut mitspielen. Extreme Belastungen hält das Knie jedoch nicht aus,“ erzählt er.

Dem Tennis bleibt er treu. Schon mit Anfang 20 arbeitet er als Trainer – zunächst um sich das Sportstudium in Wien und Innsbruck zu finanzieren. Der Spitzensport und die Frage, wie es ein Talent zum Profi schafft, werden sein Spezialgebiet. Der Titel seiner Doktorarbeit lautet: „Vom Talent zum Tennisprofessional – ein Beitrag zur Optimierung der sportlichen Entwicklung.“ Dahinter versteckt sich die Unbekannte, die alle Sportarten bewegt: Was ist ein Talent? Gritsch: „Talent ist ein Gesamtpaket. Jedes Detail muss stimmen, Das betrifft Persönlichkeit, physische wie kognitive Voraussetzungen. Eine gewisse Intelligenz – all das muss im Einklang sein. Fehlt ein Puzzleteil, ist der Weg an die Weltspitze fast unmöglich.“

Daher kann er ein Talent auch nicht anhand einer Momentaufnahme beurteilen: „Oft kommen Eltern zu mir und wollen wissen, ob ihr Kind Profi werden kann. Denen muss ich sagen, dass ich das nur anhand von ein paar guten Schlägen nicht beurteilen kann. Ganz entscheidend ist zum Beispiel die Lernfähigkeit. Die kann ich aber nur über einen längeren Zeitraum seriös bewerten.“

Nach seinem Studium widmet er sich erst einmal den Talenten in der Wiener Südstadt. Er arbeitet mit Trainerlegende Günter Bresnik zusammen. Der philippinische Finanzminister sprengt diesen Verbund. 1989 besucht der Politiker die Nachwuchsspielerin Jennifer Sarret, die in der Wiener Südstadt trainiert. Gritsch und der Besucher aus dem fernen Manila kommen ins Gespräch. Er macht ihm das Angebot als Nationalcoach auf den Philippinen zu arbeiten. „Ich musste keine Sekunde überlegen. Ich habe schon immer Fernweh gehabt“, so Gritsch über die Offerte, die sein Leben auf den Kopf stellt.

Nach Minus 20 Grad in Österreich steht er wenige Tage später bei Plus 40 Grad in Manila auf dem Platz. „Brutal“, dieses Wort schießt dem Naturliebhaber in den Kopf, wenn er an den Start in Südostasien denkt. Er legt in den ersten Monaten viel Wert auf die Kondition seiner Talente und dominiert mit seinem Team binnen kurzer Zeit das dortige Tennis. Mit den Erfolgen macht er sich einen Namen. Der indonesische Verband engagiert ihn für seinen weiblichen Nachwuchs. „Die Mädchen haben unglaublich hart gearbeitet. Nie gejammert. aber für den ganz großen internationalen Durchbruch fehlt ihnen die Härte in der Persönlichkeit. In Europa würde man sagen: Ihnen fehlt der Killerinstinkt.“

Gritsch baut über den Kontinent eigene Akademien auf. Lebt mehrere Jahre in Hong Kong. Dort lernt er seine Frau Liese, eine Neuseeländerin. kennen. Das Paar bekommt zwei Mädchen. Die Familie beschließt, die Heimat seiner Ehefrau kennenzulernen. Sechs Jahre lang leben die Vier in Neuseeland. Der promoviere Sportwissenschaftler entwirft Konzepte für die „Academy of Sports“ – und lernt: Der sportliche Erfolg des kleinen Landes ist kein Zufall. Der Gast aus Österreich liebt Details – die Neuseeländer auch, verlieren den Athleten als Summe von Geist und Körper jedoch nie aus den Augen. „Bei unserer Detailverliebtheit vergessen wir Europäer oft: Jedes Detail kann nur im Gesamtsystem funktionieren“, ist Gritsch noch heute von der Mentalität der „Kiwis“ begeistert.

Dennoch zieht es ihn 2004 zurück nach Österreich. Seine Töchter sollen Deutsch lernen und auch Papas Heimat kennenlernen. Nachdem die Familie zurück in Europa ist, bekommt er eine Anfrage als Fitnesstrainer der All Blacks – des legendären Rugbyteams Neuseelands, ein Nationalheiligtum.

Gritsch sagt schweren Herzens ab. Nichtsahnend, dass er fünf Jahre später an der Seite von Djokovic die Tenniswelt in Atem halten wird. In Österreich erarbeitet der Rückkehrer zunächst Trainingskonzepte für Verbände und genießt das familienfreundliche Leben. Eines Tages schlendert er in Wien über einen Flohmarkt. Plötzlich läuft er seinem alten Freund Günter Bresnik in die Arme. Der erzählt ihm, dass Djokovic einen Fitness-Coach sucht. Bresnik stellt den Kontakt her. Und wenige Monate später beobachtet Gritsch als Fitnesstrainer von Djokovic in Montreal das Training von Roger Federer.

Mit Formeln aus der Bio-Mechanik und Physik rechnet er seinem neuen Arbeitgeber vor, dass bei ihm vor dem Treffpunkt extrem viel Kraft verpufft und er mit dieser Ineffizienz auf Dauer nicht auf dem Niveau eines Federers agieren kann. Djokovic vertraut dem Plan des Österreichers mit der imposanten Erscheinung.

Für Gritsch schließt sich der Kreis mit der Definition eines Talents aus seiner Doktorarbeit. „Bezieht man alle Faktoren ein, ist Novak der talentierteste Sportler, den ich je gesehen habe“, ist er sicher. Die Fähigkeit sich zu quälen, sein gesamtes Leben, dem Erfolg unterzuordnen, das Streben nach Perfektion – diese Faktoren seien bei dem Serben phänomenal ausgeprägt. Aber für ihn die größte Qualität des ehemaligen Schützlings von Niki Pilic: seine Lernfähigkeit: „Auf diesem Niveau hat man keine Zeit, sich etwas über Jahre gemütlich anzueignen. Sonst wird man einfach überholt. Es muss sofort umgesetzt werden. Das beherrscht Novak wie kein anderer.“

Gritsch arbeitet Seite an Seite mit Djokovics langjährigen Vertrauten Marián Vajda und mit Boris Becker. Grand-Slam-Titel in Serie und der Sturm an die Spitze der Weltrangliste stellen sich ein. Aber die Arbeit bleibt nicht ohne Folgen. 2017 trennen sich die Wege von Gritsch und Djokovic zum ersten Mal. „40 Wochen im Jahr bin ich mit ihm um die Welt gereist. Nach dem French-Open-Sieg 2016 waren wir mental völlig fertig. Die Luft war raus“, sagt Gritsch. 2018 finden die beiden noch einmal zusammen. Der Erfolg kehrt ebenfalls zurück. Dennoch merken sie: Der Zauber ist verflogen. Ihr gemeinsamer Weg zu Ende.

Seinem ehemaligen Spieler traut Gritsch zu, noch im Alter von 40 Jahren Grand-Slam-Turniere zu gewinnen. „Körperlich ist das für Novak kein Problem. Die Frage wird sein, ob er psychisch dazu bereit ist“, blickt der Vielgereiste in die Zukunft. Seine persönliche Gegenwart sieht so aus: Im Olympiazentrum Oberösterreich in Linz kreiert er als „Performance Manager“ den methodischen Überbau für Trainer aus allen möglichen Sportarten.

In Österreich wird der Mann hinter dem Djokovic-Erfolg regelmäßig mit dem Namen Dominic Thiem konfrontiert. Er und der österreichische Ausnahmespieler – das klingt für die Sportfreunde jenseits der Alpen einfach zu verlockend. „Erst einmal wird Dominic hervorragend betreut. Hat ein starkes Team um sich“, reagiert Gritsch abgeklärt auf diese vermeintliche Traumkombination, „wirklich problematisch ist für mich inzwischen aber das Reisen. Man opfert das eigene Privatleben komplett für den Job. Im Umfang wie mit Novak werde ich das mit Sicherheit nicht mehr machen.“

Klingt zumindest so, als gäbe es etwas Hoffnung auf eine abgespeckte Rückkehr von Gebhard Gritsch auf die Tennistour. Seine Frau hat eine erfolgreich Outdoor-Marke aufgebaut und ist selber viel unterwegs. Die beiden Töchter sind aus dem Haus, führen in London und Lissabon ihr eigenes Leben.

Vielleicht ist es für den Weltenbummler mal wieder Zeit, den Wiener Flohmarkt zu besuchen. Mal schauen, wer ihm dieses Mal über den Weg läuft.

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