München – Dominic Thiem hat Lucas Miedler verprügelt. Nicht mit den Fäusten – mit dem Tennisschläger. Dabei hat der Österreicher auch nicht auf seinen Landsmann eingedroschen, sondern auf die gelbe Filzkugel. 6:1, 6:2 gewann die Nummer drei der Welt sein erstes Match unter Wettkampfbedingungen seit der Corona-Pause bei der „Austrian Pro Series“.
Das Ergebnis hätte noch klarer ausfallen können. Aber Thiem schien etwas Mitleid mit seinem überforderten Kontrahenten zu haben und überließ ihm ein paar Spiele. Ein Mitleid, das der Australian-Open-Finalist anscheinend nur auf dem Platz verspürt. Besonders für Kontrahenten wie Lucas Miedler, den die ATP auf Position 293 der Welt listet. Solche Profis sollen durch einen Solidaritätsfonds der Topstars finanziell besser abgesichert werden. Spieler auf den Plätzen 250 bis 700 würden demnach während der Corona-Krise jeweils 10 000 US-Dollar erhalten.
Die Branchenriesen Novak Djokovic, Rafael Nadal und Roger Federer setzen sich stark für diese Idee ein. Bei Dominic Thiem verursacht sie allerdings Kopfschütteln. Er findet: „Keiner von uns Top-Leuten hat das geschenkt bekommen. Wir mussten uns alle hochkämpfen. Ich habe in keinem Beruf die Garantie, irgendwann einmal richtig viel Geld damit zu verdienen.“ Was hart klingt, begründet der mit Abstand beste Tennisspieler der Alpenrepublik mit eigenen Erfahrungen: „Ich kenne die Future-Tour, habe dort zwei Jahre lang gespielt. Dort gibt es viele Leute, die dem Sport nicht alles unterordnen. Ich würde nicht einsehen, warum ich solchen Leuten Geld schenken sollte. Es muss keiner dieser Spieler verhungern. Ich spende lieber an Leute oder Institutionen, die es wirklich brauchen.“
Die angesprochenen Akteure aus der zweiten Reihe sehen sich unter Generalverdacht und schlagen in den sozialen Medien zurück – angeführt von der Algerierin Ines Ibbou. In einem emotionalen Video spricht sie Thiem direkt an: „Dominic, ich habe dir gesagt, wir bitten dich um nichts. Außer um etwas Respekt für unser Opfer. Spieler wie du bringen mich dazu, an meinen Träumen festzuhalten. Bitte ruiniere das nicht.”
Stars wie Superstar Serena Williams oder selbst Tennis-Rüpel Nick Kyrgios unterstützen die Nummer 602 der Damen. Sogar der algerische Sportminister hat der 21-Jährigen in einem offiziellen Statement zukünftig mehr Förderung versprochen.
Über Dominic Thiem ergeht seitdem ein Shitstorm, den er erträgt und auch keine Veranlassung sieht, etwas zu relativieren. Kurz vor seinem Auftaktmatch am Mittwoch in Wien machte er noch einmal deutlich: „Klarstellen will ich nichts. Ich stehe zu dem, was ich gesagt habe. Das Einzige, was ich gesagt habe, ist, dass es Spieler gibt, die eine Unterstützung nicht verdienen. Dabei bleibe ich.“
Dennoch ist der gebürtige Wiener ausgesprochen froh, dass ab sofort das Sportliche wieder in den Fokus rückt: „Einflüsse von außen hatte ich genug“, sagt Thiem zu seiner Rückkehr zum Wettkampf-Tennis süffisant.
Er will wieder Prügel verteilen. Keine verbalen. Sportliche. Nächstes Opfer bei der „Austrian Pro Series“ ist Sandro Kopp. Spielerisch wieder kaum eine Herausforderung für Thiem. Sein Gegner ist die Nummer 801 der Welt. Er wäre somit von umstrittenen Fonds nicht betroffen. Womöglich wird genau so das Mitleid von Thiem geweckt – und er gönnt seinem Widersacher noch ein paar Spiele mehr. DANIEL MÜKSCH