Solidarität in Corona-Zeiten

Es muss auch ohne Zwang gehen

von Redaktion

Das Urteil über Sebastian Polter ist schnell gefällt. Der Stürmer von Union Berlin weigert sich auf Teile seines Gehalts während der Corona-Krise zu verzichten und passt so wunderbar in das Bild des geldgierigen Fußball-Profis, der nur das eigene Konto im Blick hat, anstatt soziale Verantwortung zu spüren. Salomon Kalou und Vedad Ibisevic lassen grüßen.

Vielleicht steht Polter sogar zu Recht in einer Reihe mit den beiden Hertha-Profis. Selber sieht es sich dort aber nicht. Gestern holte der Angreifer zum Gegenschlag aus. Über seinen Anwalt setzte er eine Gegendarstellung durch: Er hätte sich „nicht unsolidarisch“ gezeigt und seinem „Herzensverein“ sehr gerne geholfen. Allerdings nach seinen eigenen Vorstellungen.

Das Tischtuch zwischen dem 29-Jährigen und Union ist seit Monaten zerschnitten. Schon vor der Corona-Eskalation war klar, dass sein auslaufender Vertrag im Sommer nicht verlängert wird. Anscheinend wird hier eine seit Längerem offene Rechnung beglichen – und zwar beidseitig. Alles also nur ein Fall von gekränkter Eitelkeit mit ein wenig Nachtreten in der scheinbar heilen Union-Familie? Nein.

Dahinter verbirgt sich eine Problematik, die weit über Ost-Berlin hinaus reicht. Bis hin zum Haifisch-Kapitalismus in der Premier League. Und sogar über Sportarten hinweg: Können Spieler zu Zwangssolidarität verpflichtet werden? Und wer hat in diesem Fall wirklich den Schwarzen Peter in der Hand?

Bei Arsenal London weigerten sich einige Stars auf Geld zu verzichten – unter anderem Mesut Özil. Mit der Argumentation: Dieses Geld würde dann milliardenschweren Investoren zu Gute kommen. Ob ein Scheich eines Öl-Emirats der passende Empfänger ist? Eine berechtigte Frage.

Im Tennis möchte sich Österreichs Superstar Dominic Thiem nicht an einem Solidaritätsfonds für schlechter platzierte Profis beteiligen. Einige dieser Spieler würden nicht den nötigen Einsatz für die absolute Weltspitze einbringen und hätten eine Ausgleichszahlung nicht verdient.

Polter, Arsenal London, Thiem: Drei unterschiedliche Motive mit demselben Ergebnis: Diese Sportler wollen nicht, dass ihnen von oben diktiert wird, wie sie sich in diesen Zeiten zu verhalten haben. Das ist ihr gutes Recht. Man kann ihren Argumenten in weiten Teilen folgen.

Dann müssen sich solche Sportler jedoch an ihren Taten jenseits der Gemeinschaftsaktionen messen lassen. Sie müssen liefern. Außerhalb der Sportarenen. DANIEL MÜKSCH

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