Die Gedankenspiele sind nicht neu, aber es gibt im schnelllebigen Geschäft eben Phasen, in denen sie besonders gut passen. Das lange Pfingst-Wochenende war so eine. Nicht nur, weil der FC Bayern Düsseldorf beim 5:0 nicht den Hauch einer Chance gelassen hat, sondern auch weil rund um diesen Club viel über Dominanz, Personal und die Zukunft geredet wurde. Marcel Reif, langjähriger Sky-Kommentator, sprach daher aus, was offensichtlich ist: Die Bundesliga ist kein Wettbewerb mehr – und sie würde erst wieder zu einem werden, wenn der FC Bayern nicht mehr mitspielt, sondern sich nur noch mit internationalen Top-Clubs misst.
Das Szenario, das eigentlich keiner will, nennt sich „Superliga“ und wird seit Jahren in mal mehr und mal weniger konkreten Ausmaßen von der UEFA angestoßen – und von den Clubs wieder abgelehnt. Auch die Bayern haben sich all das mal angesehen und angehört, mit einer schnellen Umsetzung rechnet man jedoch nicht. Als „Brot- und Buttergeschäft“ bezeichnet Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge die Bundesliga gerne, man genießt den Status als Serien-Meister, die Unantastbarkeit. Acht Titel werden es bald sein, Nummer neun und zehn dürften folgen. Denn die Schere zwischen den Großen und den Kleinen wird nicht kleiner, sondern eher größer.
Die Corona-Krise verschärft das Problem, es genügt aber auch ein Blick auf die Bayern selbst, um die Aussichtslosigkeit zu greifen. Denn die Chance, diese Mannschaft im Umbruch mal auf dem falschen Fuß zu erwischen, haben die Konkurrenten in den vergangenen Jahren liegen lassen. Dortmund war ein paar Mal nah dran, scheiterte aber stets kläglich. Nun, unter Hansi Flick und mit einem Stamm an langfristig gebundenen Schlüsselspielern, dürfte sich diese Gelegenheit nicht mehr bieten.
Es ist nicht übertrieben, wenn Uli Hoeneß von einer „neuen, tollen Generation“ spricht und das Wort „Ära“ bemüht. Die Mischung aus gestandenen Leistungsträgern (u. a. Lewandowski, Neuer, Müller), aufstrebenden Führungsspielern (u. a. Kimmich, Goretzka, Süle, Gnabry) und jungen Wilden (wie Davies) stimmt. Wird sie weiter clever ausgebaut, hier und da mit Topspielern gespickt, ist sie auch international mehr als konkurrenzfähig. Egal, ob nun in Champions oder Super League.
Hanna.Raif@ovb.net