Wir erinnern uns – ist ja erst ein paar Wochen her – noch an diese zu Herzen gehenden Bilder von der Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz. Plötzlich stand da ein Zaun, der Paare voneinander trennte. So schmachteten die Partner aus verschiedenen Ländern einander durch den Maschendraht an. Corona hielt rücksichtslos auch das auseinander, was zusammengehört. Die Politik ließ sich nicht erweichen. Das große Ganze der Pandemie-Bekämpfung stand über Einzel- (oder Paar-)Interessen. Verstehen konnte man das nicht immer, manches erschien überbürokratisiert – doch der Ausnahmezustand ergab schon einen Sinn.
Im Fußball ist das ähnlich, auch er erlebt Trennungs- und nun auch eine Zaungeschichte. Fans von Union Berlin hielten die Geisterspieldistanz nicht mehr aus, gut zwanzig von ihnen versammelten sich am Sonntag hinter der zum Walde hin gelegenen Tribüne der Alten Försterei und unterstützten das Team von draußen. Ja, das ist romantisch, man kann es als Liebesbeweis interpretieren. Jedoch auch als Dummheit.
Sie sollen korrekt eineinhalb Meter auseinander gestanden haben, die Anhänger der Eisernen. Indes, sie schmetterten mit Inbrunst Lieder, da sind die Abstandsempfehlungen weiterreichend (die schlimmsten Infektionsfälle gab es, und das kann man wissen, bei Chören). Vor allem aber: Der nett gemeinte Support bringt Mannschaft und Verein in die Bredouille. In ihrer Wir-sind-Kultclub-Empfindung gingen die Spieler nach dem Remis gegen Schalke in Richtung Wald und Zaun, um sich bei den Fans zu bedanken. Und schon ist man wieder ganz nahe am Verstoß gegen das Hygienekonzept.
Ja, man mag diese flüchtige Begegnung an der frischen Luft für gefahrlos halten, Ja, der Dortmunder Jadon Sancho wird sich bei seinem Friseurkontakt genauso wenig angesteckt haben wie die täglich Zehntausenden von Bürgern, die diesen Dienst in Anspruch nehmen. Ja, Augsburgs Trainer Heiko Herrlich hat sich bei seinem Besuch im Supermarkt korrekt verhalten. Dennoch: Profifußball darf derzeit eben nur deshalb stattfinden, weil er sich strengeren Bedingungen, als sie für die Allgemeinheit gelten, unterworfen hat. Man sollte von ihm die Einsicht erwarten, dass er ein paar Wochen Ausnahmezustand hat. Und dass er diese Einsicht lebt.
Schließlich kämpft er nicht nur um die Beendigung der Saison 2019/20, sondern auch um gute nächste Jahre. Es läuft die Ausschreibung für den neuen Medienrechte-Zyklus ab 2021. Die Chance für den Profifußball, den Schaden der Corona-Krise mittelfristig wettzumachen. Das Geld, das auf dem Spiel steht, sollte die beste Motivation für die Branche sein. Einen schönen neuen Vertrag bekommt die DFL, wenn sie sich als Partner beweist, auf den man sich verlassen kann.
Und Ratschlag an die Union-Fans. Die Stimme schonen. Das nächste Weihnachtssingen kommt bestimmt. Nur wohl noch nicht 2020.
Guenter.Klein@ovb.net