Pokalfinale mit Zuschauern?

Aufruf zum Fan-Tourismus

von Redaktion

GÜNTER KLEIN

Der Fußball weiß, was im Fußball vor sich geht. Von der Welt draußen bekommt er nicht sonderlich viel mit. Wir haben in der Corona-Zeit einige Fälle des Scheiterns erlebt – von Horst Heldt als politischem Gegenspieler zu Markus Söder (Gehaltsverzichte? „Populistisches Geschwätz“) bis zu Jens Lehmann als Virologe (Im April: „Warum nicht 20 000 Zuschauer in die Allianz Arena lassen?“). Und auch in einer jetzt anhebenden Debatte profilieren sich die Wortführer nicht als besonders kundig. Am 4. Juli ist DFB-Pokalfinale in Berlin – und so wird gefordert, da sollten doch wenigstens einige Zuschauer zugelassen werden. Damit es nicht ganz so trostlos wirkt.

Kleine Erinnerung: In Berlin herrschen die striktesten Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie. Bis 24. Oktober – und somit deutlich länger als im Bund, der den 31. August vorgegeben hat – sind Großveranstaltungen mit mehr als 5000 Teilnehmern untersagt. Der Berlin Marathon (27. September) wurde abgesagt, der Eishockey-Club Eisbären Berlin weiß, dass er sicher nicht mit Fans am 18. September in die DEL-Saison wird starten können. Sport treiben dürfen – drei Wochen vor dem DFB-Pokaltermin – nicht mehr als zwölf Leute zusammen. Der Weg zur Normalität ist in Berlin am weitesten.

Gut, man könnte natürlich unter 5000 Teilnehmern bleiben. Doch wenn man die Mannschaften, Delegationen, Medienschaffenden abzieht, dann sind 4500 Plätze zu vergeben. Zu gleichen Teilen an Bayer Leverkusen und Bayern München. Doch nach welchem Schema verteilt man die Tickets? Losverfahren, Zahlungskraft, laute Anhänger eher als stumme Zeugen? Selbst in der kleineren Leverkusener Klientel dürfte jedes System Unzufriedenheiten schaffen, und bei Bayern will man sich das Gezerre und Gezetere gar nicht erst vorstellen. Zudem: Wer Berlins Olympiastadion, diese ausladende Schüssel, kennt, weiß: Ein paar tausend Zuschauer verlieren sich darin. Und es entsteht auch keine Stimmung, wenn die Leute nicht beieinander stehen dürfen. Das Einzige, was entsteht, ist die Gefahr, dass es doch den bisher unterbliebenen Fan-Tourismus zum Stadionvorplatz gibt.

Es ist vernünftiger, auch das Pokalendspiel unter den derzeit gültigen Bedingungen stattfinden zu lassen. Als hoffentlich finale Erinnerung an diese Zeit.

Guenter.Klein@ovb.net

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