Manuel Neuer:
Ohne den Kapitän wären die Bayern am Dienstag noch nicht Meister geworden, sondern müssten wohl noch bis zum kommenden Samstag warten. Denn hätte der Keeper nicht gegen Yoya Osako in allerletzter Sekunde glänzend pariert, hätte es 1:1 gestanden – und in Bremen wären die Spieler wohl vor der Geisterstunde ins Bett gegangen. Neuer auf diese eine Szene zu reduzieren, wird seinem Anteil am Titel aber nicht gerecht. Gut, er hat sich bisher schon 31 Gegentore gefangen, das ist ungewöhnlich. Schuld aber war er an den wenigsten. Eher jagte er den Gegnern Angst und Schrecken ein. Bis 2023 soll das so bleiben, wenn alles glatt läuft. Auch das ein positiver Nebeneffekt der Corona-Saison.
David Alaba: Seit Jahren will David Alaba versetzt werden. Die Rolle als Linksverteidiger ist ja in Ordnung, der Österreicher aber würde gerne seinen Offensivgeist mehr ausleben. Die gute Nachricht: Alaba wurde in dieser Saison versetzt. Die schlechte für ihn, aber auch für die Gegner des FC Bayern: Er ist jetzt Innenverteidiger bzw.: Abwehrboss. Die nach den Verletzungen von Niklas Süle und Lucas Hernandez aus der Not geborene Umstellung war ein echter Meister-Kniff von Hansi Flick. Schon Pep Guardiola hat vor fünf Jahren geahnt, was heuer passiert ist: „David kann einer der besten Innenverteidiger der Welt werden.“ Diese Corona-Saison wird dem 27-Jährigen noch lange nachhängen. Denn eine Rück-Versetzung ist nicht in Sicht.
Alphonso Davies: Manchmal haben sich Gegenspieler in dieser Saison gefragt, ob sie einen Geist gesehen haben. Denn Alphonso Davies war ab und an schneller weg, als man gucken konnte. Erst am Dienstag stellte er einen Bundesliga-Geschwindigkeitsrekord auf. Trotzdem hat der 19-Jährige mehr als nur Schnelligkeit zu bieten. Die Unbekümmertheit, mit der Davies seinen Job als Stellvertreter von David Alaba anging, faszinierte von Beginn an. Damals, als noch vor Fans gespielt werden durfte, erntete der Kanadier regelmäßig Szenenapplaus in der Allianz Arena. Später, als nur noch ein paar hundert Menschen ins Stadion durften, begeisterte er halt die Ersatzspieler. Sein Spitzname „Road Runner“ wurde – in Anlehnung an einen Comic-Vogel – in der Corona-Zeit geboren. Er wird bleiben. Genauso wie Davies ein Dauerbrenner bleiben wird.
Joshua Kimmich: Diese Saison hat sich gezogen, deshalb zur Erinnerung: Es gab im Herbst zahlreiche Partien, in denen Joshua Kimmich als Rechtsverteidiger eingesetzt wurde. Erst Hansi Flick kam auf die Idee, den Nationalspieler dauerhaft im defensiven Mittelfeld spielen zu lassen, dort stellte er regelmäßig Bestmarken auf. Laufleistung, Passquote – Kimmich setzt in dieser Mannschaft voller Stars immer neue Maßstäbe. Dass der 25-Jährige beim vorentscheidenden Meister-Sieg gegen Borussia Dortmund eines seiner besten Spiele machte, passte freilich zu seiner Entwicklung. Kimmich agiert als Chef vom Dienst. Übrigens nicht nur auf dem Feld, sondern auch daneben: Als die Bayern-Bosse seine Kritik im Herbst („laufen dem eigenen Anspruch hinterher“) konterten, er müsse diesen Anspruch auch an sich selbst haben, ließ Kimmich Taten folgen. Ob die Bayern ohne seine mahnenden Worte Geister-Meister wären?
Thomas Müller: War in Bremen auf der Party so weit vorne dabei, dass man beinahe hätte vergessen können, dass er als Reservist unter Flicks Vorgänger Niko Kovac ernsthaft an einen Vereinswechsel gedacht hat. Es war wie verhext! Blühte erst unter dem Weltmeister-Coach wieder zum echten Strafraum-Schreck auf – und wie! 20 Assists sind schon jetzt Spitzenwert, aber zwei Spiele kommen ja noch. Eigentlich ein echter EM-Kandidat für Joachim Löw. Aber auch diese Beziehung ist ja wie verhext.
Serge Gnabry: Der Nationalspieler hat einen besonderen Trick: Er huscht manchmal durch die Katakomben der Allianz Arena – und ist wie von Geisterhand verschwunden, ohne ein Wort gesagt zu haben. Das ist manchmal schade, denn wer gut spielt, ist eigentlich ein gefragter Gesprächspartner. Während der Corona-Krise gab es weniger Interviews, deshalb konnte sich Gnabry komplett auf seine Leistungen auf dem Platz konzentrieren. Die waren konstant gut. Zwölf Treffer und elf Vorlagen sprechen für sich, im Gegensatz zu Müller war Gnabry ein konstanter Meister-Macher. Aus der Geister-Stammelf nicht wegzudenken.
Robert Lewandowski: Der Pole jagt die Geister der Vergangenheit. Allerdings wird ihm die magische 40-Tore-Marke von Gerd Müller auch diesmal nicht gelingen. Lange hat er davon geträumt, aber neun Tore in zwei Partien? Eher unmöglich. 31 Treffer sind es zwei Spieltage vor dem Ende, auch das aber ist ja beachtlich genug. Noch ein Tor mehr – und er ist immerhin der Beste seit Dieter Müller 1977. Der Kölner hatte damals 34 Mal getroffen.