München – Alphonso Davies konnte später, als nicht nur sein Arbeitstag, sondern auch der seiner Kollegen beendet war, wieder lachen. Die Bässe in der Bayern-Kabine waren laut, der Hip-Hop-Beat lud zum Tanzen ein, und so gab der Kanadier gemeinsam mit Jerome Boateng eine Rap-Einlage zum Besten. In der Handykamera waren zu sehen: Ein routinierter Dauer-Meister und ein junger Wilder, der zum zweiten Mal feiern durfte. Sein Anteil heuer war groß. Und dass Davies in Bremen zuvor vom Platz geflogen war: längst vergessen.
Der 19-Jährige, so etwas wie der Überflieger dieser Saison, hatte gewissermaßen Glück, dass sein verkorkster Auftritt vom Titelgewinn überstrahlt wurde, denn über seinen Platzverweis wollte nach Abpfiff niemand mehr reden. Nicht über jene Szene, in der er das Feld nach einem taktischen Foul verlassen musste (79.), und auch nicht über jene, in der er nach 18 Minuten und einem Tritt gegen Leonardo Bittencourt gut auch hätte Rot sehen können. Trainer Hansi Flick hatte sich die Tätlichkeit nicht noch einmal angesehen und sagte: „Wir sind Meister geworden, deswegen hake ich das Spiel jetzt ab.“ Irgendwann in den kommenden Tagen aber wird sich der Coach seinen Außenflitzer mal zur Seite nehmen. An solchen Spielen wächst man.
Für Davies, der vor seiner Gelb-Roten Karte noch einen Bundesliga-Geschwindigkeitsrekord aufgestellt hatte (36,51km/h), war es der erste Platzverweis. Der Druck war doch zu spüren, Davies fehlte über weite Strecken der Meister-Partie die gewohnte Unbekümmertheit. Das ist ganz normal für einen 19-Jährigen, fällt aber auf, weil er halt bisher Woche für Woche für Furore gesorgt hat.
Die Bayern werden ihren Linksverteidiger weiter aufbauen, sie setzen auf die Jugend. Das zeigt auch der Transfer von Tanguy Kouassi, der von Paris St. Germain kommen soll. Präsident Herbert Hainer wollte den Wechsel des 18 Jahre alten Innenverteidigers noch nicht bestätigen („nicht der richtige Zeitpunkt“), er gilt aber als sicher. Womöglich rapt Davies im kommenden Jahr am Titel-Tag mit dem Franzosen. Dann ist er der erfahrene Meister – und Boateng endgültig ein alter Hund. hlr