„Ich möchte nicht mit Salihamidzic tauschen“

von Redaktion

Freiburgs Sportvorstand Saier über Arbeit ohne Hektik, Streichs Qualitäten – und Anastacia

München – Einen Wikipedia-Eintrag? Hat Jochen Saier lange nicht gehabt, obwohl er Bundesliga-Manager ist. Seit ein paar Jahren aber findet man den 42-Jährigen auch auf dieser Plattform – und er sagt lachend: „Selbst in Freiburg kann man nicht inkognito arbeiten.“ Der Club aus dem Schwarzwald, der als Tabellenachter an diesem Samstag in München gastiert, ist so etwas wie der Gegenentwurf zum FC Bayern. Beschaulich, unaufgeregt – und trotzdem ambitioniert, wie Saier im Interview erzählt.

Herr Saier, ist Understatement Teil der DNA beim SC Freiburg?

Understatement passt in einer gewissen Dosis zu uns allen hier. Und es liegt auch in der DNA dieses Vereins, dass man eher realistisch mit den Dingen umgeht. In den guten Phasen nicht trommelt und übertreibt, sich nicht inszeniert. Und in schwierigen Phasen nicht alles in Schutt und Asche redet. Das gibt es im Fußball relativ selten, diesen gesunden Mix.

Sondern eher: Schwarz und Weiß.

Genau. Im Fußball gibt es oft nur Held oder Depp. Dabei gibt es auch noch was mittendrin. Das versuchen wir zu leben. In einem guten Jahr können wir eine Saison spielen wie jetzt, in der wir vielleicht sogar noch weiter nach oben klettern können. Aber es gibt auch andere Phasen. Wir müssen uns jedes Jahr alles neu erarbeiten. Wir sind nicht übereitel.

Was gut ins Bild passte: der Jubel über den Klassenerhalt. Dabei schielen Sie doch auf Europa.

Das transportiert es ganz gut, weil es von innen heraus kommt. Wir wissen, dass wir fast jedes Spiel gewinnen können. Aber wir können, wenn nicht alles passt, auch jedes Spiel in der Bundesliga verlieren. In dieser Range bewegen wir uns. Das war ehrlicher Jubel, richtige Erleichterung! Daran sieht man, was für eine Anspannung trotz der komfortablen Situation in den Leuten steckt.

Wäre die Freude über den Europa-League-Einzug genauso groß?

Natürlich wollen wir das, was wir in dieser Saison schon geschafft haben, jetzt über die Ziellinie bringen. Vielleicht sogar mit Punkten in München. Das wäre mal an der Zeit (lacht) – einen Sieg gab es da für den SC noch nie.

Dafür vor drei Jahren eine ähnliche Situation: Die Bayern waren Meister –und Freiburg spielte am 34. Spieltag um Europa.

Oh ja. Anastacia hat gesungen in der Halbzeit, das Play-back hat nicht aufgehört, der Bühnenabbau hat auch nur mittelmäßig funktioniert, wir mussten warten. Das war alles völlig skurril, ein sehr spezieller Moment.

Anastacia wird am Samstag sicher nicht singen.

Zum Glück. Aber Spaß bei Seite: Es ist alles gut, die Verantwortlichen der Bayern haben sich danach bei uns entschuldigt, das war ihnen natürlich auch etwas unangenehm. Man möchte sich aber nicht ausdenken, es wäre andersrum gewesen (lacht)…

Damals verpassten Sie die direkte Europa-League-Quali. Ist das europäische Geschäft für Freiburg eigentlich Fluch oder Segen?

Wir sind immerhin noch nie abgestiegen in einem Europa-League-Jahr. Deshalb tun wir alles dafür, es zu schaffen. Natürlich müssen dann einige für uns anspruchsvolle Anschlussfragen geklärt werden – wie der Einfluss auf die Saisonplanung und die Kaderzusammensetzung. Das würden wir aber alles mit Freude angehen, keine Frage.

Wie schwer ist Kaderplanung in Corona-Zeiten?

Der Transfermarkt ist aktuell von Unsicherheit überlagert, das merkt man. Da ist wenig Tempo drin. Man muss ja auch in die neue Saison blicken, in der das Risiko und die Planungsunsicherheit ja noch größer sind als aktuell. Jetzt waren es neun Geister-Spieltage, vielleicht ist es ab Herbst aber auch gar eine Halbserie ohne Zuschauer. Auf dem Markt herrscht keine Hurra- und Attackenmentalität wie in den letzten Jahren. Jetzt ist Abtasten angesagt, Positionsaufbau, und Jammern (lacht). Und dann wird es irgendwann losgehen – aber nicht mehr ganz auf dem Niveau der letzten Jahre.

Täuscht der Eindruck – oder sparen alle, während Bayern klotzen kann?

Mit dem Blick auf uns darf ich anmerken, dass wir schon immer für nachhaltige Finanzpolitik standen, in den guten Phasen an die schlechten gedacht und vorgebaut haben. Die Bayern haben das natürlich auf einem ganz anderen Niveau ähnlich und unglaublich gut gemacht. Sie haben wahrscheinlich das größte Eigenkapital-Polster der europäischen Topvereine. Daher gibt es bei ihnen vielleicht die Möglichkeit, die Marktsituation ein Stück weit für sich zu nutzen. Diese Situation haben sie sich hart erarbeitet. Da muss man sagen: Respekt! Und vielleicht kann man auf einem gedämpften Markt Ideen umsetzen, die man sonst nicht hätte umsetzen können.

Würden Sie gerne mal einen Tag mit Hasan Salihamidzic tauschen?

(überlegt) Ich glaube, er ist zufrieden – und ich bin es auch. An einem Standort, an dem man deutlich mehr gewinnt als verliert, hat das schon was für die Lebensqualität. Aber das, was wir hier machen, hat auch etwas. Deshalb würde ich nicht tauschen wollen, zumindest nicht für einen Tag (lacht).

Sie könnten aber den einen oder anderen größeren Transfer tätigen.

Das mag sein, aber die Arbeit, die ich hier mache, hat genauso ihren Reiz. Wir sind vielleicht nicht in der Position, dass wir sagen können: Wir halten die Gruppe zusammen und kaufen noch Qualität dazu. Aber mal ehrlich: Das kann – bis auf Bayern – eigentlich niemand. Selbst Dortmund nicht.

Vorreiter ist der SC Freiburg vor allem in puncto Jugendarbeit. Haben die Bayern da die Entwicklung zunächst verschlafen – oder ist der Sprung zu den Profis in München einfach zu groß?

Die Hürde ist schon extrem hoch. Wenn man den Kader in München anschaut, dann ist darin unglaublich viel Qualität. Man merkt aber, dass Bayern seine Ausbildungsarbeit in den letzten Jahren auf ein neues Level gehoben hat, dass sie es unbedingt schaffen wollen, wieder Spieler aus den eigenen Reihen zu den Profis auf den Platz zu kriegen. Wenn ich mir die Besetzung der Jugendmannschaften und der zweiten Mannschaft anschaue: Da steckt schon richtiges Talentpotenzial drin.

Man sagt den Münchner Talenten nach, die Bodenhaftung früh zu verlieren.

Diese Marke strahlt schon anders ab. Und der Umgang damit ist kompliziert für junge Spieler. Es ist eine knifflige und anspruchsvolle Aufgabe, die Jungs auf Kurs zu halten. Das gilt auch für uns, nur auf einem anderen Niveau.

In Freiburg kommt sogar der Cheftrainer mit dem Fahrrad zur Arbeit.

Moment mal! Auch ich komme meist mit dem Fahrrad! Das interessiert aber zum Glück keinen (lacht).

Da heben Sie sich ab von anderen Managern. Müssen Sie manchmal schmunzeln bei der Debatte um den Profi-Fußball?

Schmunzeln nicht. Aber es ist schon eine komplexe Debatte. Es gibt ein paar Punkte, die in der Krisensituation noch mal deutlicher wurden, die man überdenken, diskutieren und verändern sollte. Dafür treten auch wir ein. Aber bei allem wird es auch künftig ein sehr harter Wettbewerb bleiben. Daher ist die Außenbetrachtung des Freiburger Idylls natürlich Quatsch. Wir spielen Bundesliga, mehr geht nicht. Das geht nur über knallharte, kompromisslose inhaltliche Arbeit – auch wenn es medial sicherlich etwas unaufgeregter zugeht. Ich glaube, in diesem Punkt würden einige gerne mit uns tauschen.

Würde Christian Streich eigentlich auch woanders funktionieren als beim SC?

Die Fragen, ob er ein guter Trainer ist und ob er zum Standort passt, sind längst beantwortet. Wir arbeiten seit 18 Jahren zusammen. Bei jeder Verlängerung geht es aber um die Frage der Energie und der Freude, bei unserem Weg auch um den Umgang und das Aushalten von Verantwortung. Bei uns wird niemand entlassen, wenn die kurzfristigen Ergebnisse ausbleiben. Er steht deshalb weiterhin in der Verantwortung und darf oder muss – je nach Perspektive – mit uns gemeinsam da durch. Das kann hart und anstrengend sein, aber Christian ist mit Herz und Leidenschaft dabei. Diese zentrale Position geht nur ganz oder gar nicht. Klar könnte Christian andere Standorte trainieren, vermeintlich größere mit anderer Kaderqualität. Aber das sage ich jetzt lieber nicht zu laut (lacht).

Interview: Hanna Raif

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