Augsburg war 1993 keine Bundesliga-, sondern eine Amateurfußballstadt, als es vom DFB ein großes Spiel geschenkt bekam: Die Nationalmannschaft gegen eine Bundesligaauswahl. Eine einmalige Geschichte aus sehr speziellem Anlass, der sich im Motto wiederfand: „Mein Freund ist Ausländer.“
Das wiedervereinte Deutschland hatte ein massives Problem: Erst in Rostock-Lichtenhagen, dann in Solingen, Mölln, Kassel und Hanau wurde Jagd auf Ausländer, auf Asylbewerber gemacht, es gab Tote. Der Fußball wollte ein Zeichen setzen. Die Idee war eben dieses Freundschaftsspiel. Wer vielleicht Sympathien hegte für fremdenfeindliche Umtriebe. sollte gezeigt bekommen: Das sind Menschen mit einem Gesicht und einer Geschichte. Wie die Stars aus dem Fußball, denen man am Wochenende zujubelt. Damals vor allem Anthony Yeboah von Eintracht Frankfurt, dem besten Stürmer der Bundesliga, so populär, dass sich sein Fanclub „Zeugen Yeboahs“ nannte. Auch sein Trainer, Dragoslav Stepanovic, stand für die Geschichte einer Migration. Ein Serbe, der in Hessen zur Kultfigur wurde. „Stepi“ coachte die aus Ausländern bestehende Bundesligaauswahl. Die konnte auf illustre Persönlichkeiten wie den Schweizer Stephane Chapuisat und den Neuseeländer Wynton Rufer zurückgreifen und besiegte die deutsche Nationalmannschaft in Augsburg auch mit 2:0.
Ich musste das im Detail noch einmal nachlesen. Über die Distanz von 27 Jahren hatte ich zunächst geglaubt, das „Mein Freund ist Ausländer“-Spiel wäre durch die Tonlage in den Stadien motiviert gewesen. Dem war aber nicht so. Affenlaute hörte man in den Stadien in den 90ern bisweilen auch schon, sie galten dunkelhäutigen Spielern – doch in der Zeit vor dem Bosman-Urteil von 1995 waren die Teams bei weitem nicht so international besetzt wie heute. Doch Rassismus ist es ja nicht erst, wenn man einem Schwarzen ein „Huhuhu“ entgegen brüllt.
Rassismus entsteht aus Vorurteilen – und die hat schon, wer, bevor er einem Schwarzen begegnet, die Straßenseite wechselt, weil er latent befürchtet, ausgeraubt zu werden. Oft folgt man seinen Vorurteilen, ohne sich dessen bewusst zu sein.
Im Herbst 2014 interviewte ich Antonio Rüdiger, als er neu in die Nationalmannschaft kam. Ich fragte ihn, wie er es finden würde, dass in ihm manche den nächsten Boateng sähen, nach Kevin Prince und Jerome nun quasi Antonio oder Rüdiger Boateng am Start. Er antwortete höflich, dass es ihm eine Ehre sei, mit solchen Spielern in einem Atemzug genannt zu werden. Doch ich selbst war mit meiner Frage unzufrieden, weil sie Antonio Rüdiger auf die Hautfarbe als Kriterium für die Ähnlichkeit mit Jerome Boateng reduzierte. Dabei gibt es für die Bewertung fußballerischer Qualitäten genügend andere Kriterien.
Beim Confederations Cup 2017 in Sotschi hatte Antonio Rüdiger einen starken Auftritt in der DFB-Pressekonferenz. Es ging um Russland, wo es etliche rassistische Vorfälle beim Fußball gegeben hatte, auch um Italien, wo Rüdiger spielte und er selbst zum Ziel von Schmähungen geworden war. Er saß vor fast ausschließlich weißen Reportern und sagte: „Ihr könnt das gar nicht nachempfinden, wie schlimm das ist, weil ihr nie die Betroffenen seid.“
Ich erinnerte mich an einen Moment in Istanbul, Oktober 2011, EM-Qualifikation, nach dem Spiel in der Türk Telekom Arena. Die Spieler gehen geduscht zum Bus, müssen noch an den Journalisten vorbei. Einer, ein aufdringlicher Typ, der für den Kanal der UEFA arbeitet, will Cacau abfangen, er hält ihn für Boateng, ruft ihm hinterher: „Jerome, Jerome, this is for UEFA.“ Cacau ist ein grundfreundlicher Mensch, doch er wandte sich ab, und in seinen Augen war die Verärgerung zu lesen. Nicht über die Verwechslung an sich, sondern die Offensichtlichkeit für ihren Grund: Schwarzer ist Schwarzer. Ein Merkmal, das alle anderen aussticht. Dabei hatten Cacau und Boateng Lebensläufe, wie sie unterschiedlicher nicht sein können.
Wenigstens haben wir uns daran gewöhnt, dass deutsche Nationalspieler nicht blond und hellhäutig sein müssen. Jimmy Hartwig und Erwin Kostedde, deren Väter amerikanische Soldaten waren, haben in den 70er-Jahren oft Alltagsrassismus und Ablehnung erfahren – auch weil sie den DFB vertraten und manche sie dafür nicht legitimiert sahen. Anfang des Jahrtausends haben wir dann noch Gerald Asamoah bestaunt als den „schwärzesten deutschen Nationalspieler aller Zeiten“. Der gebürtige Ghanaer hat Vorurteile spielerisch aufgefangen. Wie vor ihm der in Köln geborene Anthony Baffoe, der, als er auf dem Feld rassistisch beleidigt wurde, zu seinem Gegenspieler sagte: „Ach weißt du, wenn du nach deiner Karriere Probleme haben solltest – du kannst dann auf meiner Plantage arbeiten.“
Es ist ein gesellschaftlicher Fortschritt, dass wir es nicht mehr thematisieren, aus welchem Land die Vorfahren von Ilkay Gündogan, Serge Gnabry oder Jonathan Tah kommen. Es ist auch gut, dass wir mit dem Instrument der Sprache sorgsamer umgehen. Etwa im Eishockey. Da war es über Jahrzehnte gebräuchlich, von kanadischen Spielern in Deutschland als „Kanacken“ zu sprechen. Es hatte einen ironischen Touch, war eine Anlehnung an „Canucks“ und kein bisschen böse gemeint – trotzdem vermeidet man den Begriff inzwischen. Und redet auch nicht von den „Ausländern“ in einem Team, sondern von „Importspielern“.
Im Sport selbst funktioniert Integration gut. Darum sollte man ihm es nicht verwehren, wenn er es gerade jetzt wieder als eine seiner Aufgaben sieht, die Welt besser zu machen. Leider haben die vergangenen Jahre Rückschläge gebracht, und 2020 fühlt sich nicht viel anders an als 1993. Es braucht neue Initiativen. Der Sport muss wieder mahnen: Mein Freund ist Mensch.
Was sich aus der Aktion „Mein Freund ist Ausländer“ von vor 27 Jahren entwickelte