München – Die Sportwelt stellt sich derzeit viele Fragen. Wann dürfen Zuschauer wieder ins Stadion? Überlebt mein Verein die Corona-Krise? Sollten sich Sportler zu politischen Themen äußern? Fragen, mit denen sich auch SPD-Politikerin Dagmar Freitag (67) intensiv beschäftigt.
Im Interview mit unserer Zeitung spricht die Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag über finanzielle Hilfen für angeschlagene Verbände, taktisches Verhalten des IOC und das neue Selbstverständnis der Athleten.
Frau Freitag, laut einer Studie des DOSB sind 75 Prozent aller Sportverbände gefährdet, sollte es keine Hilfe vom Bund geben. Teilen Sie diese Einschätzung?
Zweifellos trifft die Corona-Krise auch die Spitzenverbände, vermutlich in unterschiedlicher Ausprägung. Genau deshalb haben wir gemeinsam mit dem Bundesinnenministerium sehr frühzeitig deutlich gemacht, dass sämtliche Sportfördermittel, die den Sportverbänden für das Jahr 2020 zukommen sollten, selbstverständlich in voller Höhe und mit größtmöglicher Flexibilität zur Verfügung gestellt werden. Insofern sehe ich zum jetzigen Zeitpunkt noch keine breite Gefahr für die Sportverbände. Das zeigt sich auch darin, dass bis Anfang Juni lediglich drei der 66 Spitzenverbände einen Unterstützungsantrag an den DOSB gerichtet hatten, der ja hierfür einen Fonds mit 1 Million Euro eingerichtet hat.
Derzeit ist jedoch nicht abzusehen, wie lange der Sportbetrieb nur eingeschränkt oder gar nicht stattfinden kann.
Die Lage kann sich ändern, je länger der Sportbetrieb ruht oder nur sehr eingeschränkt möglich ist. Das eröffnet Sponsoren bei Nichterfüllung der vertraglichen Verpflichtungen durch die Verbände beispielsweise die Möglichkeit, Gelder zu kürzen. Und es ist jedenfalls nicht auszuschließen, dass Sponsoren dann auch so agieren, zumal sie ja vermutlich selbst als Unternehmen auch von Verlusten betroffen sind. Deshalb werden wir uns diese Entwicklung sehr genau anschauen und mit den Verbänden eng im Gespräch bleiben.
Die Studie hat zudem ergeben, dass ein Schaden in Milliardenhöhe auf den organisierten Sport zukommt. Wie bewerten Sie diese Prognose?
Die Zahlen des DOSB sind nicht auf Grundlage einer Studie entstanden, sondern vom DOSB anhand von Selbstauskünften einiger Landessportbünde und den Schätzungen weniger Vereine erstellt worden. Ich habe schon in der Sitzung, in der uns die Schadenhöhe von DOSB-Präsident Hörmann präsentiert wurde, kritisch nach der Validität der Daten gefragt. Diese Nachfrage kam bekanntlich nicht sonderlich gut an. Allerdings denke ich, dass es nicht nur das Recht, sondern geradezu die Pflicht von Abgeordneten ist, schwer nachvollziehbare Angaben zu hinterfragen. Völlig außen vor blieben in der Betrachtung die Sonderprogramme der Bundesländer, die bereits Millionen Euro als Soforthilfen für betroffene Vereine zur Verfügung stellen. Jüngsten Berichten zufolge sind diese längst noch nicht überall ausgeschöpft.
Die Lage außerhalb des Fußballs, beispielsweise im Eishockey, Handball oder auch Basketball, ist weiterhin prekär. Welche Hilfen plant der Ausschuss für diese Sportarten?
Das erklärte Ziel ist, diese Vereine für einen begrenzten Zeitraum zu unterstützen. Dort trainieren und spielen zum allergrößten Teil diejenigen Athleten und Athletinnen, die beispielsweise in einem Jahr in der jeweiligen Nationalmannschaft bei den Olympischen Sommerspielen in Tokio an den Start gehen sollen. Schwierig wird es für diese Ligen im Herbst, wenn der Ligabetrieb – eigentlich – wieder losgehen sollte. Wie dann die Einnahmensituation aussehen wird, ist von vielen Faktoren abhängig, und ich denke, dass wir im Interesse der Vielfalt und der Breite des Sportangebots in unserem Land da Lösungen finden müssen.
Sie haben zudem schon häufiger gefordert, dass der DOSB transparent darlegen soll, wofür das geforderte Geld benötigt wird. Ist die Transparenz weiterhin nicht gegeben?
Die Forderung nach Transparenz gilt grundsätzlich und nicht nur für den DOSB. Transparenz kann man herstellen, wenn man seine Schlussfolgerungen aufgrund von umfassenden Daten herausarbeitet. Und nicht nur aufgrund von Schätzungen, die sich wiederum teilweise aus Hochrechnungen aus einzelnen Landessportverbänden ableiten.
Die Zuschauereinnahmen sind in Sportarten fernab vom Fußball überlebenswichtig. Die Handball-Bundesliga arbeitet derzeit an einem Konzept, das einen Saisonstart im Herbst mit Zuschauern vorsieht. Sind solche Szenarien realistisch?
Es ist zumindest ganz sicher sinnvoll, sich mit Szenarien zu beschäftigen, wie man den Spielbetrieb wieder in Gang bringen kann. Das ist im Interesse der Spieler, ihrer Vereine und nicht zuletzt der vielen Fans, die ihre Vereine im Idealfall bereits seit Kindheit an unterstützen. Und wir sehen an den ersten Beispielen, übrigens nicht nur der Ballspiel-Sportarten, dass Verbände und Vereine mit innovativen Ideen ihr Bestes tun, um die Krise zu bewältigen. Da aber keiner von uns weiß, wie die Situation im Herbst sein wird, kann jedes heutige Szenario Realität werden – oder auch eine Utopie bleiben.
Viele Einzelsportler sind auf die Unterstützung von Sponsoren angewiesen, die aktuell wegbricht. Sie haben in der Vergangenheit davon gesprochen, dass die Athleten eigenes Geld brauchen, das nicht vom DOSB verwaltet wird. Ist eine solche Soforthilfe für Athleten aktuell vorgesehen?
Athletinnen und Athleten erhalten bereits in unterschiedlichen Bereichen grundsätzliche Unterstützung durch den Bund, entweder direkt – beispielsweise über eine Sportförderstelle bei Bundeswehr, Bundespolizei oder Zoll – oder indirekt über Bundesmittel, die die Stiftung Deutsche Sporthilfe an die Kaderathleten und -athletinnen weiterleitet. Wir haben bereits zu Beginn der Krise sichergestellt, dass all diese Zahlungen ohne Abzüge weiterlaufen.
Haben die Sportler die Chance, dem Sportausschuss ihre Perspektive auf die Auswirkungen der Corona-Krise zu schildern?
Um nun aus erster Hand zu erfahren, wie sich die finanzielle Lage von Kaderathleten und -athletinnen durch die Corona-Krise entwickelt hat, habe ich den Obleuten vorgeschlagen, die Sportler in einer Sitzung des Sportausschusses selbst zu Wort kommen zu lassen. Diese Sitzung ist für den 9. September anberaumt. Meine von Ihnen zitierte Aussage stammt aus dem Jahr 2018 und bezog sich auf die Athletenvertretung, die zu jenem Zeitpunkt bildlich gesprochen am Tropf des DOSB hing. Mit Athleten Deutschland e.V. gibt es nun allerdings eine unabhängige Athletenvertretung, die vom Bund finanziell unterstützt wird, um ihre Aufgaben im Sinne der Athletinnen und Athleten unabhängig vom DOSB erledigen zu können.
2018 kritisierten Sie den DOSB im Rahmen der Leistungssportreform dafür, dass die Sportler in den Diskussionen zu sehr in den Hintergrund geschoben werden. Wie bewerten Sie heute die Zusammenarbeit zwischen DOSB und dem Verein „Athleten Deutschland“?
Die Zusammenarbeit zwischen DOSB und Athleten Deutschland kann ich nicht bewerten. Für den Sportausschuss jedenfalls ist die unabhängige Athletenvertretung jedoch ein ausgesprochen verlässlicher, konstruktiver und kompetenter Gesprächspartner.
Auch im Fußball hat eine Gruppe um Mats Hummels ein Spielerbündnis gegründet. Helfen solche Vereinigungen, um mehr Mitspracherecht zu haben?
Wir sehen, dass rund um den Globus die Aktiven ihre Stimme erheben und sich von den Dachorganisationen unabhängiger machen wollen. Ich glaube übrigens, dass die Gründung von Athleten Deutschland e.V. ein Meilenstein war, der auch international als Vorbild taugt. Die jahrzehntelange Bevormundung, die gelegentlich auch mit regelrechten Maulkörben verbunden war, kommt jetzt erkennbar an ihre Grenzen. Die Stimme der Aktiven hat heute deutlich mehr Gewicht als noch vor wenigen Jahren. Ich begrüße das sehr, denn es sind die Sportlerinnen und Sportler, die im Mittelpunkt stehen müssen – ohne sie gäbe es schließlich weder Sportgroßveranstaltungen noch Sportverbände und deren Funktionäre.
Aktivensprecher Moritz Geisreiter hat kürzlich die Ernennung von Matthias Große zum kommissarischen Präsident der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft kritisiert. Wie haben Sie die Kritik aufgenommen?
Dass die Personalie auf Kritik stoßen würde, war sicher allen Beteiligten klar. Eher neu ist aber, dass ein Aktivensprecher seine Kritik so offen äußert und damit schon vor der möglichen Bestätigung des neuen Präsidenten deutlich macht, dass die Personalie nicht unumstritten ist. Das zeigt auch das neue Selbstverständnis der Aktiven und damit in gewisser Weise vielleicht sogar eine erste Verschiebung der Machtverhältnisse.
Sportler haben weltweit Zeichen gegen Rassismus gesetzt. Die Dortmunder Jadon Sancho und Achraf Hakimi beispielsweise haben auf ihren T-Shirts „Justice for George Floyd“ gefordert. Es ist eine Debatte entflammt, inwieweit sich Athleten zu politischen Themen äußern sollen. Wie steht der Sportausschuss zu der Thematik?
Der Sportausschuss als Gremium hat sich aktuell mit dieser Thematik noch nicht befasst, allerdings bin ich sicher, dass es da durchaus unterschiedliche Auffassungen in den Fraktionen geben dürfte. Für mich steht außer Frage, dass Athletinnen und Athleten sich äußern dürfen, wenn Menschenrechte verletzt und missachtet werden. Die Grundwerte des Sports bauen darauf auf und werden stets beschworen – wie kann man denn dann ernsthaft von den Aktiven erwarten, dass sie zu solch fundamentalen gesellschaftspolitischen Themen schweigen?
Die Olympische Charta verbietet bislang, dass sich Sportler während der Spiele politisch äußern und demonstrieren. Eine Regel, die aufgehoben werden muss?
Die Diskussion beginnt ja gerade erst, und ich bin gespannt, in welche Richtung sich das IOC bewegt. Der selbsternannte Hüter der Sportmoral handelt nach meiner persönlichen Erfahrung in der Regel eher taktisch. Ich bin skeptisch, dass es da eine Öffnung geben wird. Aber ich bin genauso zuversichtlich, dass die Athletinnen und Athleten Wege finden werden, ihre Stimme zu erheben.
Interview: Nico-Marius Schmitz