München – Eine Geschichte über Mario Gomez, ein paar Jahre alt, er war da noch beim FC Bayern. Ein Interview, das diese Zeitung mit ihm geführt hatte, wird ihm – das ist üblich – noch einmal zur Durchsicht vorgelegt. Er bittet um eine Änderung: Im Vorspann stand, dass er in einer dreiviertellangen Hose zum Termin gekommen war. Mario Gomez verbessert folgendermaßen: „Es war eine kurze Hose.“ Äußerlichkeiten waren ihm wichtig, eine Dreiviertelhose steht zu sehr für den Pauschaltouristen, Shorts hingegen für den knackigen Sportler. „Ja, ein Mann sollte auch eitel sein“, sagte Gomez mal.
Mario Gomez ist knapp 35 und wird am Sonntag noch einmal professionell Fußballspielen, wahrscheinlich zum letzten Mal. Er hat mit dem VfB Stuttgart einen Platz zum Aufstieg in die Bundesliga erreicht, doch dabei keine sportlich tragende Rolle mehr gespielt. Sechs Tore in 22 Spielen in der 2. Liga sind nichts für einen, von dem man 2007, als er mit dem VfB Meister wurde, dachte, er würde bald mit einem spanischen Club Europa erobern. Es war eine gute Karriere, die Mario Gomez gemacht hat, nur eben nicht die ganz große. Vor allem liefen die Turniere mit der Nationalmannschaft für ihn immer unglücklich. 2012, die EM, war noch sein bestes, doch da zerredete ihn der ARD-Experte Mehmet Scholl. Für die WM 2014 wurde Gomez nicht nominiert, 2013, im Triplejahr des FC Bayern, durfte er nur im Pokal glänzen. Sportlich blieb Gomez ein Unvollendeter, eine starke Figur wurde er trotzdem: Weil er mit Gelassenheit und Ratio dagegen anspielte, dass ihn, den attraktiven Mann, viele Deutsche offenbar fallen sehen wollten. Ein kluger Kopf, der fortan nicht mehr da sein wird.
Es treten noch andere ab, die mit Gomez als Gemeinsamkeit haben, dass sie beim FC Bayern spielten. Bei Claudio Pizarro träumen die Romantiker davon, dass es am letzten Spieltag noch zu einem Wunder kommt, Werder Bremen es in die Bundesliga-Relegation schafft und der 41-jährige Stürmer das entscheidende Tor erzielt. Viele sagen, er sei der höchstveranlagte Spieler, mit dem sie je in einem Team gestanden hätten. Auf jeden Fall hat er es bei gleich zwei Vereinen (Bremen, FC Bayern) zu kultiger Anerkennung geschafft. Man sieht ihm auch nach, dass er nicht abstiegskampfbetrübt durch Bremen läuft. Neulich sprach ihn ein Werder-Fan an, und Pizarro sagte mit einem Lachen: „Aber sterben müssen wir doch nicht.“ Pizarro hat eine Unantastbarkeit erreicht, wie es im kritischen Umfeld des Fußballs fast unmöglich geworden ist.
Wie außergewöhnlich es ist, dass jemand mit über 40 noch einen Bundesliga-Job hatte, zeigt das Beispiel Thomas Kraft. Der ist Torhüter bei Hertha BSC, hat eine Position, die man auch in höherem Alter gut ausfüllen kann, will aber aufhören, obwohl er erst 31 ist und Anfragen von anderen Clubs hat. Zu Kollegen soll er gesagt haben, dass seine liebste Option ein Leben ohne Profifußball sei.
Auch Thomas Kraft war beim FC Bayern. Ein Held der Südkurve, weil er schon in der Jugend nach München gekommen war. Man instrumentalisierte ihn, da man Manuel Neuer, den Ur-Schalker, nicht haben wollte (2011). Trainer Louis van Gaal machte Kraft zur Nummer eins, um den Vorstand zu provozieren. Kraft konnte, als Neuer kam, auch nicht als Back-up bleiben. Er war verloren. Ein in der Machtpolitik Verlorener.
Er wurde ein normaler Bundesliga-Torwart, über den sein kurzzeitiger Trainer Jürgen Klinsmann schrieb: „Kein Mehrwert, Vertrag auslaufen lassen.“ Das letzte Wort hatte aber Kraft: Nach einer starken Parade im Training sagte er: „Ich muss doch meinen Mehrwert steigern.“ So gesehen: Starker Abgang.