Es geht zu Ende mit Jürgen Klopp in Liverpool, der Trainer aus Deutschland verliert an Einfluss auf die Stadt und ihre ihm bis vor Kurzem noch ergebenen Bewohner. Er hatte gesagt: Feiert zu Hause, geht nicht raus, höchstens kurz vor die Tür. Die Realität war dann: Größere Ansammlungen von Fans allüberall, auch vor dem Stadion an der Anfield Road. Abstand halten? Nun ja.
Im Ernst: Dass coronatechnisch nicht alles rundlief in der Nacht, die auf die Entscheidung in der englischen Meisterschaft folgte, zeigt, welch emotionale Wucht dieser Titelgewinn für den FC Liverpool hatte. Selbst die Autorität von Jürgen Klopp, dem Mann, der den Erfolg bewirkte, reichte nicht aus, um die Freude so zu regulieren, wie es die Umstände dieser Zeit erfordern. 30 Jahre hatte der Club warten müssen, dass sich die Sehnsucht auf diesen nächsten Titel erfüllen würde. Beim letzten Mal war die höchste englische Liga noch nicht die Premier League und der Fußball nicht ansatzweise beherrscht von Investoren aus aller Welt, die den Wettbewerb komplett neu definierten.
Auch die „Reds“, die für sich in Anspruch nehmen, den Fußball in seiner ursprünglichen Form zu vertreten, sind durchkommerzialisiert und internationalisiert, daher ist ihr Aufstieg der vergangenen Jahre, der nun in der Meisterschaft mündet, kein romantisches Märchen. Aber die Geschichte von Jürgen Klopp erfüllt alle Kriterien dafür: Vom nicht auffällig begabten Zweitligakicker zum Trainer, wie man ihn sich nur wünschen kann. Klopp ist einer, der mehr liefert als nur die guten Platzierungen und Bilanzen, anders als etwa Pep Guardiola erreicht er die Herzen der Fans, beseelt ganze Standorte, schafft Fußballkultur. Klopps Leistung in Liverpool: Er hat – mit oft unspektakulär anmutenden Personalien – ein überragendes Team aufgebaut und ist zu dessen perfektem Botschafter geworden. Er hat dabei auch durchgehalten: Es sind nun fünf Jahre, dass er in Liverpool wirkt – und auch Klopp erlebte schwere Niederlagen, Zweifel, Stagnation.
Vor einigen Monaten, auf dem Höhepunkt der Corona-Krise, war es unwahrscheinlich, dass die Fußballsaison zu einem Abschluss gebracht werden würde. Im Fall der englischen Liga, die an der Spitze fast schon entschieden war, hätte man das mehr bedauert als bei jeder anderen. Liverpool sollte nach 30 Jahren ein Meister ohne Abstriche (Achtung: Wortspiel passend zu den Corona-Testungen) werden. Einen Titel gewinnen, der vollwertig ist. Einen, den man feiern kann.
Okay, wie man einen Klopp‘schen Jubelsprung innerlich vollführt – das muss Liverpool noch lernen.
Guenter.Klein@ovb.net