Liverpool – Jürgen Klopp schossen die Tränen in die Augen, dann brach der neue „Gott des FC Liverpool“ sein erstes Meister-Interview überwältigt ab. „Sorry, Gentlemen – ich bin durch“, sagte er mit brüchiger Stimme, rückte seine Liverpool-Mütze mit aufgestickter Deutschlandfahne zurecht und ging zurück zu seinen wild tanzenden Spielern. 30 lange Jahre hatten die Reds auf diesen Tag gewartet, und nun wollte der gesamte Club nur noch feiern – den lang ersehnten Titel, vor allem aber seinen deutschen Teammanager.
Klopp selbst hatte dafür gesorgt, dass seine gesamte Mannschaft im noblen Hotel Formby Hall Golf Club gemeinsam die entscheidende Niederlage des Rivalen Manchester City verfolgte. „Ich habe gesagt: Jeder muss dabei sein. Wer das Spiel alleine geschaut hätte, hätte es für den Rest seines Lebens bereut“, sagte der 53-Jährige. Exakt um 22.09 Uhr Ortszeit war es dann so weit. „Wir haben die letzten fünf Sekunden heruntergezählt. Und dann war es eine pure Explosion“, berichtete Klopp aufgewühlt.
Das galt auch für die Fans, die sich bei dem Deutschen bedankten. „Jürgen Meister“ stand in der „Jägermeister“-Schrift auf einer Fahne, die im Stadion an der Anfield Road hing. Und davor, auf den Straßen, feierten Tausende Anhänger den sehnlichst erwarteten Titel und ihren „Jurgen“. Damit ignorierten sie Klopp, der wegen der Corona-Pandemie fast gefleht hatte: „Ich hoffe, dass ihr zu Hause bleibt. Geht vor euer Haus und feiert, wenn ihr wollt, aber mehr nicht.“
Dabei ist Klopps Wort eigentlich Gesetz, längst gibt es Forderungen nach einer Statue für den ehemaligen Dortmund-Coach. „Ich denke, ich muss meinen Spitznamen ,Gott’ an Jürgen abgeben“, sagte etwa Robbie Fowler. Und Bruce Grobbelaar, noch so eine Clublegende, meinte gar: „Für mich ist er die Wiedergeburt von Shankly in einem deutschen Körper. Er ist ein charismatischer Kerl, einfach brillant.“
Bill Shankly, dieser Name fiel häufiger in dieser so kurzen Partynacht. 1964, 1966 und 1973 hatte der 1981 verstorbene Coach Liverpool zur Meisterschaft geführt und die Grundlage für den Mythos geschaffen, der den Club bis heute umweht. Nun trat Klopp in seine Fußstapfen, zumindest ein bisschen. „Dieser Erfolg ist auch für Shankly und Paisley, für Fagan und Dalglish, für Souness und Gerrard“, sagte Klopp über all die Ikonen. Kenny Dalglish und Graeme Souness hörten im TV-Studio live zu und gaben die Lobeshymnen wortreich zurück.
Nicht ohne Grund: Als Klopp vor viereinhalb Jahren an der Anfield Road ankam, versprach er einen Titel – und hielt schon 2019 mit dem Champions-League-Triumph Wort. „Jürgen Klopp und Liverpool sind wie füreinander bestimmt. Niemand hat die Stadt seit Beginn der Premier-League-Ära wie er für sich eingenommen. Er hat den Trübsinn über Anfield vertrieben“, schrieb die „Daily Mail“. Die italienische „Gazzetta dello Sport“ urteilte gar: „Klopp rückt zu Liverpools fünftem Beatle auf.“
Und Klopp? Der feierte zwar ebenfalls ausgelassen, offenbarte aber auch einen ungewöhnlichen Blick in sein Seelenleben. Nach dem ersten Jubel habe er sich „innerlich leer gefühlt“, verriet er: „In dem Moment war es einfach zu viel für mich.“ Die historische Dimension habe ihn umgeworfen. „30 Jahre! Vor 30 Jahren, da war ich 23. Und ich habe sicher nicht daran gedacht, mit Liverpool Meister zu werden. Ich hatte gar nicht die Fähigkeiten dazu.“
Doch jetzt, im Jahr 2020, ist der Traum Realität geworden – und Klopp „King“. Und: Er hat noch lange nicht genug. „Unsere unglaubliche Reise ist noch nicht vorbei. Meine Jungs haben noch ein paar gute Jahre in den Beinen“, sagte der Meistermacher.
Dann aber galt auch für ihn nur das Hier und Jetzt. Noch in der Nacht veröffentlichte Liverpool in den sozialen Medien ein Video, in dem Klopp mit Stolz in der Stimme verkündet: „Erzählt es der Welt: Wir sind der FC Liverpool, die Champions von England!“