„Wir haben keine Stühle zerbrochen“

von Redaktion

Arne Friedrich über die WM 2010, neue Hierarchien und eine gezackte Torlinie

Es war eine Reise ins Ungewisse, die die Nationalmannschaft 2010 antrat. Erstmals wurde eine WM auf dem afrikanischen Kontinent veranstaltet, und kurz vor dem Turnier fiel Michael Ballack, der Coverboy des deutschen Fußballs, verletzt aus. Und was passierte? Die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw spielte eine fantastische WM, die jungen Wilden wie Thomas Müller, der via Fernsehen auch mal Oma und Opa grüßte, schufen ein neues Bild vom DFB-Team. Das sich freilich auch auf seine Routiniers verlassen konnte. Wie Arne Friedrich, der in den großen Spielen im Achtel- und Viertelfinale gegen England (4:1) und Argentinien (4:0) die Abwehr zusammenhielt. Ein Gespräch mit dem heute 41-jährigen Performance Manager von Hertha BSC über die furiosen Tage in Südafrika.

Arne Friedrich, vor zehn Jahren war das WM-Achtelfinale gegen England. Trotz der guten Vorrunde waren die Prognosen für die deutsche Mannschaft nicht so optimistisch, denn der englische Fußball genoss höchste Wertschätzung. Die „Three Lions“ hatten Topstars wie Rooney, Terry, Lampard, Gerrard, auch mit dem Italiener Fabio Capello, dem ersten ausländischen Trainer, schien es gut zu laufen. Wie blickten Sie und die Mitspieler auf England?

Die gesamten Erwartungen vor diesem Turnier waren in Medienkreisen und Öffentlichkeit gedämpft worden durch die Verletzung von Michael Ballack, der eine feste Stütze gewesen war. So musste sich eine neue Hierarchie bilden. Philipp Lahm als Kapitän und der Mannschaftsrat mit Bastian Schweinsteiger, Miro Klose, Per Mertesacker, Sami Khedira und meiner Wenigkeit hat versucht, Michaels Ausfall neben dem Platz zu kompensieren. Auf dem Platz haben wir von Anfang an erfrischenden Fußball mit starkem Umschaltverhalten gezeigt. Aber klar: England hatte schon richtige Kaliber. Umso mehr freute es mich, dass das Spiel in unsere Richtung lief. Wobei wir ein Stück weit Glück gehabt haben. Die Revanche für das Wembley-Tor (WM-Finale von 1966, d. Red.) war eine entscheidende Situation.

Sie sprechen es an: Noch vor der Halbzeit landete ein Schuss von Frank Lampard an der Latte des deutschen Tores, der Ball sprang dann, wie die Fernsehbilder zeigten, deutlich hinter der Linie auf. Der Schiedsrichter bedeutete: weiterspielen. Es blieb beim 2:1 für die deutsche Mannschaft. Sie müssen einen guten Blick auf die Szene gehabt haben.

Nein, ich konnte es nicht sehen, ob der Ball hinter der Linie war, und habe direkt weitergespielt. Und der Schiedsrichter hat ja auch keine Anstalten gemacht, anders zu entscheiden.

War es in der Halbzeitpause ein Thema?

Nur ganz kurz, eher beiläufig. Wir hatten die Szene bis dahin auch nicht gesehen. Später gab es dann eine Fotomontage, die in den sozialen Medien kursierte. Da war die Linie gezackt, sodass es aussah, als würde der Ball vor ihr aufsetzen. Dieses Bild hing dann ausgedruckt bei uns im Quartier. Wir haben geschmunzelt. Natürlich war der Ball klar drin.

Aus dieser Szene entstand der Antrieb der FIFA, sich der Torlinientechnologie nicht länger zu verschließen. Richtig?

Ja, die Technologie ist ein wichtiges Element und absolut angemessen. Das Achtelfinale gegen England hätten wir, da bin ich mir sicher, aber auch gewonnen, wenn das Tor gezählt hätte und es 2:2 gestanden wäre. Wir haben einfach den besseren Fußball gespielt, haben nach Ballgewinnen konsequent und schnell nach vorne umgeschaltet. Wir spielten mit Begeisterung. Ich jedenfalls hatte als Spieler zu keiner Zeit des Spiels das Gefühl, nicht als Sieger vom Platz zu gehen.

Thomas Müller schloss kurz nacheinander zwei Konter – den einen über Schweinsteiger, den anderen über Özil – mit 3:1 und 4:1 ab. Und im nächsten Spiel, im Halbfinale gegen Argentinien, machte er weiter: Kopfball zum 1:0 in der 3. Minute.

Ein unglaublich wichtiger Auftakt, ein klares Statement. Die Argentinier hatten ja auch unser Spiel gegen England gesehen und bekamen ihre Eindrücke nun bestätigt.

Ein Statement hatte im Vorfeld der Begegnung auch Bastian Schweinsteiger abgegeben, als er sagte, die Argentinier seien ja herzliche Menschen – auf dem Platz würden sie sich aber verwandeln in nicht so sympathische Zeitgenossen. Man hätte befürchten können, dass dies eine kontraproduktive Äußerung sein würde.

Nachdem Michael Ballack als unser Leitwolf ausgefallen war, kam es umso mehr auf den Mannschaftsrat an, uns gegenseitig auf die Spiele einstimmen. Manchmal braucht es eine Ansprache, und die Aufgabe hat in diesem Fall Bastian übernommen. Argentinien war eine sehr aggressive Mannschaft, die sich allerdings auch von Lionel Messi abhängig machte.

Wie spielt man gegen Messi?

Wir hatten da einen guten Matchplan. Sami Khedira, Schweinsteiger und ich haben uns in erster Linie um ihn gekümmert. Wenn immer zwei, drei Leute um ihn herum waren, könnte er nicht ins Eins-gegen-eins kommen.

Sie lieferten eine fabelhafte Partie. Man hat – auch wenn man sich an Ihr Spiel gegen Argentinien 2006 erinnert – den Eindruck, Ihnen lägen solche Gegner.

2006 war ich Außenverteidiger, damals habe ich Carlos Tevez fast in Manndeckung genommen.

Wir haben noch Jürgen Klinsmanns Satz im Ohr: „Arne, der Tevez muss deinen Atem spüren.“

Bei der EM 2008 habe ich im Spiel gegen Portugal Cristiano Ronaldo spielen dürfen. Grundsätzlich habe ich mich immer wohlgefühlt, wenn ich die Aufgabe hatte, einen Gegenspieler auszuschalten.

Die andere große Figur der Argentinier neben Lionel Messi, die ja eigentlich noch größere, war ihr Trainer Diego Maradona. War diese Personalie nun ein Trumpf Argentiniens oder eher ein Handicap? Ein gelernter Trainer war Diego nun wahrlich nicht…

Das ist schwer zu sagen. Vier Jahre zuvor hatte Argentinien mit Carlos Pekerman einen ganz anderen Typen, dessen Stärken klar im taktischen Bereich lagen. Maradona kann ich als Trainer in keiner Weise einschätzen. Auf jeden Fall hatte er eine unfassbare Aura. Die habe ich gespürt, als es mir vor dem Anpfiff im Spielertunnel die Hand gegeben hat.

Schnelle Führung durch Thomas Müller, doch bis zur 68. Minute stand es nur 1:0.

Wir waren gewarnt und mussten komplett auf der Hut sein.

Klose zum 2:0 – und schließlich geschah es: Im 76. Länderspiel Ihr erstes Tor, das 3:0.

Ich musste nicht mehr viel machen, den Ball nur noch reinschieben.

Nun ja, Sie mussten da stehen, wo Sie standen. Mittelstürmerposition – und hinter Ihnen lauerte Per Mertesacker, der andere Innenverteidiger.

Es war nach einem Freistoß, der Ball wurde abgefangen und zurückerkämpft – deshalb waren wir beide noch vorne. Das Tor war ein wunderschönes Gefühl, weil meine Familie im Stadion war, meine damalige Freundin, Mutter, Bruder, Stiefvater. So torungefährlich, wie es den Anschein haben mag, war ich übrigens aber gar nicht. In meinem ersten Länderspiel 2002 hätte ich das erste Tor schießen können, es wurde Carsten Jancker zugeschrieben. Und 2010 im Spiel um Platz drei habe ich die Latte getroffen, und darüber hinaus habe ich in meinem dritten Länderspiel ein Eigentor geschossen.

Gegen England wurde in Bloemfontein gespielt, einer Stadt, die man schnell wieder vergisst. Das Argentinien-Spiel fand in Kapstadt statt. Spürte man die Besonderheit dieses Ortes?

Ich kannte Kapstadt bereits vom Werbedreh für einen Sponsor. Eine Handvoll Spieler hat bei der WM eine kleine Stadttour gemacht, wir sind einmal an den Strand gegangen. Aber ein Turnier ist vor allem ein Turnier, darauf konzentriert man sich. Die besonders freundliche und positive Stimmung im Land haben wir freilich schon mitbekommen. Wenn wir in unser Hotel in Pretoria zurückgekehrt sind, haben uns die Angestellten gerne mal tanzend empfangen.

Es soll im Quartier eine fulminante Party gegeben haben. Nach England oder Argentinien?

Nach Argentinien, meine ich. Aber so fulminant war sie nicht, wir haben keine Tische und Stühle zerbrochen.

Dachte man nach diesen Siegen von 4:1 und 4:0 gegen Klasseteams: Wir werden Weltmeister?

Davon kann man nie ausgehen. Wir hatten das Gefühl, es schaffen zu können, doch dann kam Spanien. Nicht gerade der Lieblingsgegner und unser erstes nicht so gutes Spiel. Spanien hat uns an diesem Tag dominiert.

Interview: Günter Klein

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