Von wegen Hokuspokus

von Redaktion

Neue Studie zu „Wundermittel“ Actovegin erfreut Müller-Wohlfahrt: „Bestätigung für mich“

VON HANNA RAIF

München – In dieser Praxis im Alten Hof ist schon viel passiert. Ernüchternde Diagnosen wurden gestellt, geplatzte Träume verarbeitet. Deutlich häufiger aber Verletzungen geheilt, Freudentränen vergossen, Erfolge gefeiert. Seit zwölf Jahren behandelt Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt in den 1600 Quadratmeter großen Räumlichkeiten im Herzen der Innenstadt seine Patienten, ab und an schaut ihm ein Kollege über die Schultern. Und was Professor Franz-Xaver Reichl an diesem einen Tag gesehen hat, ist ihm bis heute nicht aus dem Kopf gegangen.

2013. Früher Sommer. Die Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Moskau steht an, aber für die haushohe Favoritin im Stabhochsprung – der Name fällt unter das Arztgeheimnis – sieht es nicht gut aus. Die Achillessehne ist entzündet, eine langwierige Sache, äußerst schmerzhaft, an einen normalen Bewegungsablauf ist nicht zu denken. Müller-Wohlfahrt nimmt sich viel Zeit, das macht er für all seine Patienten, egal ob Lieschen Müller, Superstar vom FC Bayern oder eben Leichtathletik-Ass. Er tastet, spürt in die Entzündung, die Sache ist aber schnell klar. Eine Behandlung mit Actovegin, seinem Wundermittel, einem aus Kälberblut extrahierten Präparat, wird helfen. Bis zu zehn Injektionen bekommen die Patienten injiziert, direkt an die betroffene Stelle und ins Umfeld gespritzt. Als die Athletin bald danach zur Kontrolluntersuchung wieder vor Ort ist, ist auch Reichl da – und traut seinen Augen nicht. „Sie ist den Gang entlanggelaufen, als sei nie etwas gewesen“, sagt der Dental-Toxikologe und Pharmakologe der LMU. Ein paar weitere Wochen später wurde sie in ihrem Heimatland Weltmeisterin. 4,89 Meter. Daran hatte sie selbst nicht mehr geglaubt.

Diese Geschichte ist eine von vielen, die es über die Behandlungen von Müller-Wohlfahrt gibt. Der „Doc“, der sich heute nach mehr als 40 Jahren als Teamarzt des FC Bayern zurückzieht, spricht inzwischen von weit über 100 000 Actovegin-Injektionen, die er in seinem beruflichen Werdegang gespritzt hat. „Ich habe vor über 40 Jahren als Einzelkämpfer damit angefangen“, erzählt er im Gespräch mit unserer Zeitung, oft wurde er belächelt, er sagt sogar „ausgegrenzt und angefeindet“. Hokuspokus, hieß es, der Doping-Verdacht stand lange im Raum, „aber ich habe durchgehalten und darauf vertraut“. Nahezu jeder, sagt der 77-Jährige, der in seiner Praxis vorstellig wird, „bekommt Actovegin injiziert“, Nebenwirkungen hat es in 40 Jahren nicht gegeben.

Reichl hat dieses Mittel schon länger interessiert. Denn auch dem Fachmann für Biologische Sicherheit von Bakterien und Viren waren die Negativ-Schlagzeilen über das Wirken von Müller-Wohlfahrt nicht entgangen. Als Actovegin, ursprünglich für die Behandlung von Demenz entwickelt und auf dem deutschen Markt wegen einer ausgelassenen Zulassung nicht erhältlich, kurz vor der Aufnahme auf der sogenannten „Monitoring-List“ der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA stand, begann er daher mit der Forschung. Seine erste Studie bewies 2016, dass Actovegin am Ort der Anwendung die Reparaturmechanismen des Körpers an verletzten Muskeln verbessert, ohne dabei leistungsfördernde Bestandteile zu enthalten. Den Doping-Verdacht konnte er an in-vitro-Zellen im Reagenzglas entkräften: Zwar enthält Actovegin neben allen essentiellen anderen Aminosäuren auch Spuren von Testosteron und Cortisol, allerdings in verschwindend geringen Mengen. „Die NADA, WADA, FIFA und der DFB haben alles untersucht. Aber es gibt keinen Grund, Actovegin als Doping einzustufen. Jedes Steak, jedes Glas Milch hat mehr davon“, sagt Müller-Wohlfahrt, der über die Ergebnisse der ersten Studie sehr erfreut war. Über die zweite, die jüngst im renommierten Fachblatt „European Journal of Applied Physiology“ publiziert wurde, sagt Reichl nun sogar: „Sie rehabilitiert Müller-Wohlfahrt gewissermaßen.“ Denn wieder sind die Ergebnisse durchweg positiv.

Die Begegnung in der Praxis hat Reichl und sein Team dazu veranlasst, die Wirkung von Actovegin auch bei Entzündungen zu untersuchen. Der 66-Jährige nimmt sich viel Zeit bei der Präsentation, wissenschaftliche Korrektheit, Details im Versuchsaufbau, Grenzen der Methode – all das ist ihm wichtig. Er spricht von einem „relativ komplizierten Mechanismus“ und „tiefer Biochemie“. Aber er schildert verständlich. Auch diese Studie hat in-vitro stattgefunden, also im Reagenzglas, mit aus menschlichem Blut gewonnenen Zellen. In einem ersten Schritt konnte das Forscher-Team herausfinden, dass die Gabe von 25 Mikrogramm Actovegin die inflammatorischen Interleukine – also entzündlichen Botenstoffe – signifikant senkt. Ein interessantes Detail: Sowohl mehr als auch weniger Actovegin hätten eine schlechtere Wirkung. Reichl sagt: „Auf die Dosis kommt es an.“

Dass Actovegin auch bei Entzündungen wirkt, war somit bewiesen. Reichl und sein Team aber wollten natürlich mehr wissen. Sie drangen weiter in die Zelle ein, im Fokus standen jene Sauerstoffradikale (ROS), die Entzündungen – neben etwa Verletzungen, Bakterien und Viren – auslösen und steuern können. Die Ergebnisse waren eindeutig: Denn die Aminosäuren, die in Actovegin teilweise in 15 Mal höherer Konzentration enthalten sind als im menschlichen Serum, beeinflussen den Abbau von ROS auf dem enzymatischen (Caspase) sowie nicht-enzymatischen (Gluthathion) Weg und haben auch Auswirkung auf die Bildung und den Abbau von Entzündungsfaktoren durch ein bestimmtes Enzym namens ICEBerg. Zusammengefasst: „Actovegin hat einen anti-entzündlichen Effekt. Das haben wir klar nachgewiesen.“

Freilich ist Reichl daran gelegen, zu betonen, dass diese Studie keine klinischen Ergebnisse liefert. Dennoch bietet sie einen großen Mehrwert. Müller-Wohlfahrt sagt: „Sie ist eine Bestätigung für mich. Ich wusste immer, dass es wirkt. Ich wusste immer, dass das mein Mittel ist.“ Reichl denkt schon weiter, in einer nächsten Studie soll der Vergleich von Actovegin mit dem Nebenwirkung-behafteten Cortison untersucht werden, all das läuft neben seiner normalen Arbeit. Müller-Wohlfahrt sieht noch weiteren Bedarf bei der regenerativen Wirkung des Mittels, das bereits durch mehrere Studien nachgewiesen wurde. Ob er selber mitforscht, nun, wo er nicht mehr beim FC Bayern arbeitet und sich ohnehin verstärkt der Wissenschaft widmet?

„Erst mal gibt es für mich andere Projekte“, sagt er. Dass „Mull“, wie die Sportler ihn nennen, gemeinsam mit dem Klinikum Rechts der Isar forscht, ist bekannt. Wie spannend die Forschung rund um künstliche Intelligenz bei der Diagnostik von Muskelverletzungen ist, aber nicht. Derzeit werden MRT-Bilder von Muskelverletzungen digital erfasst und mit Tastbefunden von Müller-Wohlfahrt verknüpft. Ziel ist es, dass der Computer weiß: „Was würde Müller-Wohfahrt nun diagnostizieren?“

Was den gebürtigen Ostfriesen umtreibt: „Junge Ärzte tasten nicht mehr, das Know-How der Hände geht verloren.“ Dabei hat es ihn so weit gebracht. Genau wie Actovegin, sein zweites Steckenpferd. Reichls Fazit: „Er ist stets dafür eingestanden – offenkundig aus gutem Grund.“

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