Vor ein paar Wochen hat die Fußball-Welt aufgehorcht. Während andere Clubs – sogar in England – von Transferstopp sprachen und Finanznot beklagten, ist man beim FC Bayern anders vorgegangen. „Einen internationalen Star und ein Top-Talent aus Europa“ hat Hasan Salihamidzic angekündigt, als der Rest der Republik noch nicht mal aus dem Lockdown-Schlaf erwacht war. Auch wenn sowohl Karl-Heinz Rummenigge als auch Oliver Kahn später zurückruderten, von Demut und Risiko sprachen: Das waren die Aussagen, die nachhallen.
Beschränkt man die Bewertung auf sein Geschäftsgebiet, kann man heute sagen: Der neue Sportvorstand hat ganze Arbeit geleistet. Denn während er gestern gemeinsam mit Abwehr-Sternchen Tanguy Kouassi auf dem Podium an der Säbener Straße stand, wurde im Hintergrund alles für den nahenden Wechsel von Leroy Sané vorbereitet. Nach einem Jahr Vertragspoker, zahlreichen Treffen, einem Kreuzbandriss, einem Comeback und unzähligen Gerüchten haben die Bayern ihren Königstransfer also eingetütet. Für weniger als 50 Millionen Euro. Das ist im Vergleich zu den ursprünglich mal kolportierten 120 Millionen Euro wenig. Und trotzdem eine aberwitzige Summe für einen 24 Jahre alten Fußballer – in einer krisengeschüttelten Gesellschaft.
Der Sané-Transfer ist der erste dieser Größe, seitdem die Ligen wieder ins Rollen gekommen sind. Und er kann durchaus als Maßstab dafür genommen werden, wie der Markt sich entwickeln wird. Neben der Coronakrise haben persönliche Umstände dafür gesorgt, dass der Nationalspieler nun als „Schnäppchen“ tituliert wird. Das mag passen, wenn man die Parallelwelt Fußball zum Maßstab nimmt. Es ist aber für den normalsterblichen Menschen, der – wie Hansi Flick erst vergangene Woche – an einen „Schritt zurück“ in dieser Branche gehofft und sogar geglaubt hat, immer noch nicht zu greifen.
Den Bayern muss man keinen Vorwurf machen. Sie haben seit Jahren so gut gewirtschaftet, dass sie sich diesen Luxus-Kauf gönnen können, ohne zu großes Risiko zu gehen. Trotzdem ist die Millionen-Investition ein Indiz dafür, dass der Markt nicht von heute auf morgen umgekrempelt werden kann. Die Münchner dürfen sich ein „weiter so“ schon jetzt erlauben, andere Clubs werden irgendwann nachziehen. Die Doppelmoral des Fußballs wird – trotz guter Vor- und Ansätze – bleiben.
Hanna.Raif@ovb.net