Berlin – Wenn der Unparteiische am Samstagabend um 20 Uhr das Pokalfinale anpfeift, wird das Berliner Olympiastadion leer sein. Die Trainer werden sich zur Begrüßung nicht die Hand reichen, sondern ihre Ellbogen aneinanderstoßen. Die wenigen Menschen auf den Tribünen werden einen Mund- und Nasenschutz tragen. Hätte jemand zu Beginn dieses Jahres ein solches Szenario skizziert, er wäre wohl für verrückt erklärt worden.
Doch das Coronavirus hat das gesamte Leben auf den Kopf gestellt, auch den Fußball. Alles ist anders. Bis auf ein kleines Detail: Wenn das erste Geisterendspiel in der Geschichte des DFB-Pokals angepfiffen wird, stehen einmal mehr die Bayern auf dem Rasen. Es ist das siebte Endspiel des Rekordmeisters in den vergangenen zehn Jahren.
Für Hansi Flick dagegen ist es das allererste als Cheftrainer, und es versteht sich von selbst, dass er nach seiner ersten Meisterschaft als Hauptverantwortlicher an der Säbener Straße nun nachziehen möchte. „Wir wollen das Double nach München holen“, erklärte der 55-Jährige in bestem Bayern-Duktus. Flick scheint sich mittlerweile pudelwohl zu fühlen in der Rolle des Protagonisten. Auf die Frage eines Reporters, wie es denn so sei, endlich bei einem Endspiel auf der Trainerbank auch „die Hosen anzuhaben“, entgegnete der Fußballlehrer forsch: „In Rio war ich auch an der Seitenlinie – und Hosen hatte ich damals auch an.“
Während die Münchner am Freitag vom Erdinger Moos in Richtung Norden abhoben, versammelten sich bei der Abfahrt des Bayer-Busses mehrere hundert Anhänger vor dem Stadion, um ihrer Mannschaft die Bedeutung der Partie am Samstag auf eindrucksvolle Art und Weise vor Augen zu führen. Das letzte Mal, als der ewige Zweite Edelmetall in Händen hielt (vom Hallenmeisterpokal 1994 mal abgesehen), schrieb man den 12. Juni 1993. Ein Kopfball von Ulf Kirsten bescherte der Werkself damals gegen die Amateure von Hertha BSC ihren ersten Pokalsieg.
Was sich seitdem geändert hat? Im Trophäenschrank wenig, einen Hoffnungsträger zählen die Leverkusener aber auch dieses Jahr zu ihren Reihen: Kai Havertz, 21 Jahre alt, verbucht in der laufenden Saison 16 Tore und neun Assists. „Er kann wichtig sein“, weiß Trainer Peter Bosz. Gleichwohl dürfte sich der Holländer wohl auch bewusst sein, dass sein Gegenüber über einige Kicker des Havertz-Kalibers verfügt. Da wären Robert Lewandowski, Toptorjäger, oder Vorlagenkönig Thomas Müller. Bis auf Javi Martínez und Corentin Tolisso, beide verletzt, kann Flick sein gesamtes Arsenal zurückgreifen. Inklusive Niklas Süle 259 Tage nach dem Kreuzbandriss. Er gehört zum Kader.
Was das Thema Havertz zum FC Bayern angeht, sagte Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge am Freitag zu Sport1: „Ein Transfer von Havertz wird uns finanziell in diesem Jahr nicht möglich sein. . . Sie kennen ja die Größenordnung, die Rudi Völler bei Bayer Leverkusen im Hinterkopf hat.“ Er wünsche Havertz „zumindest noch ein Jahr in Leverkusen. Denn wir haben Interesse an Konkurrenz.“