Wenn es nur so einfach wäre wie für die Piloten in ihren Boliden: auf den KERS-Knopf drücken, satten Extra-Schub abrufen – und dann munter mit Maximalpower weiterbrettern. Aber so einen Knopf zur selbstverständlichen Freisetzung ihres ganzen Performance-Potenzials hat die Formel 1 nicht, wenn sie am Wochenende mit großer Verspätung die Saison 2020 in Gang bringt. 112 Tage, nachdem der Auftakt in Australien wegen der Corona-Pandemie platzte, wird Spielberg zum ersten Schauplatz eines verzweifelten Versuchs der Motorsport-Königsklasse, zu retten, was noch zu retten ist.
Die Formel 1 im Covid-19-Ausnahmezustand: eine Formel Fremd, eine Formel Fragezeichen. Ein Not-Rumpfprogramm, vorerst keine Zuschauer an den Strecken – und ein Riesenpaket weiterer Sicherheitsmaßnahmen, die das Erscheinungsbild der PS-Show massiv verändern. Für Fans, (Geister-)Fahrer, Teams und Verantwortliche ist der Neustart ein Aufbruch ins Ungewisse, ein vom unsichtbaren Feind Virus aufgezwungenes Experiment, von dem noch keiner sagen kann, wie es ausgeht. So gesehen wird die Formel 1 in dieser bizarren Misere-Saison im Zeichen von Corona wohl eine spannendere Veranstaltung werden, als sie es in den letzten Jahren der Normalität (mit öder Mercedes-Dauerdominanz) war.
Aber auch wenn es jetzt so etwas wie den Reiz des Noch-Nie-Dagewesenen gibt: Hat die Zwangspause vielleicht schon Schaden angerichtet, der nicht wieder zu beheben ist? Stichwort Social Distancing und mögliche Folgen. Bleiben inzwischen entwöhnte Formel-1-Anhänger nun auf Abstand, weil sie in den Monaten des Königsklassen-Stillstands gemerkt haben, dass man mit seinen Sonntagen auch Besseres anfangen kann, als am Fernseher einer Autokolonne beim Im-Kreis-Fahren zuzuschauen? Es gibt ja bislang auch kein KERS für die prompte Rückgewinnung von Fan-Begeisterung – die leidgeprüften F1-Krisenmanager werden auch deshalb in Sorge sein.
Aus deutscher Sicht birgt die sicherlich absonderlichste Saison in der Historie des GP-Zirkus auch noch eine sehr spezielle Personalgeschichte: Sebastian Vettel auf Abschiedstour als Pilot in Rot, womöglich sogar als Formel-1-Wagenlenker. Eine große Karriere könnte auf ziemlich traurige Weise zu Ende gehen. Aber das ist dann letztlich zweitrangig in einer Extremzeit wie dieser, in der es für die Formel 1 im Gesamten darum geht, ein beispiellos gefährliches Survival-Abenteuer zu überstehen. Irgendwie.
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