„Ich hatte im Kopf: Wir gewinnen sowieso“

von Redaktion

Olaf Thon schoss Deutschland ins WM-Finale 1990 – und Gary Lineker in die Verzweiflung

Eine Besonderheit der Weltmeisterschaft 1990 war, dass Teamchef Franz Beckenbauer an seiner Startelf fortwährend Veränderungen vornahm, lediglich im zweiten Gruppenspiel war sie wie im ersten. Für zunächst nicht berücksichtigte Akteure ging dadurch die Perspektive nicht verloren. Ein Glück für Olaf Thon, den damals 24-jährigen Mittelfeldspieler des FC Bayern, der im Halbfinale zur mitentscheidenden Figur wurde.

Olaf Thon, wenn wir uns recht erinnern: Sie sind in die WM 1990 mit den Nachwirkungen einer Verletzung gegangen.

1989 hatte ich zwei Operationen. Erst nach einem Bänder- dann nach einem Syndesmosebandriss. Ich musste vier, fünf Monate aussetzen und konnte mein erstes Spiel für den FC Bayern erst wieder im April 1990 machen. So eben konnte ich noch auf den Zug nach Italien aufspringen, aber den Stammplatz hatte ich verloren und musste mich wieder rankämpfen.

Das Turnier lief bis einschließlich des Achtelfinales mit dem 2:1-Sieg über die Niederlande glatt für die Mannschaft. Doch das 1:0 im Viertelfinale gegen die CSFR war ein grausames Spiel, Teamchef Franz Beckenbauer tobte an der Seitenlinie und hinterher auch in der Kabine. War Ihnen da klar, dass sich personell fürs Halbfinale was ändern und Ihre Chance kommen würde?

Ich war von Anfang an nah an der Mannschaft dran. Das habe ich daran gesehen, dass ich immer auf der Bank saß. Die Verhältnisse waren andere als heute bei Turnieren, wo der gesamte Kader für jedes Spiel verfügbar ist. Früher war es bei einer WM so: Elf spielten, sieben kamen auf die Bank, vier mussten auf die Tribüne. Mit meinem Fuß und der Fitness wurde es in Italien von Tag zu Tag besser, und im letzten Gruppenspiel gegen Kolumbien wurde ich zumindest für sechs Minuten eingewechselt. Ich denke, ich hatte gegen Niederlande und CSFR schon ganz gute Chancen, dass ich spiele.

Gegen England, im sechsten Spiel des Turniers, Ihr erster richtiger Einsatz. Historisch spät. Wie hat Franz Beckenbauer es Sie wissen lassen?

Das Zimmer habe ich mir mit Hans Pflügler geteilt. Es war der Spieltag, wir hielten Mittagsschlaf, da klopfte es. Wir fragten: ,Wer stört?’ Und dann das: der Kaiser. Wir waren voller Ehrfurcht sofort wach, als er in der Tür stand. Erst fragte er den Hans Pflügler: ,Hans, hast gut geschlafen, wie geht’s?’. dann mich das Gleiche. Und: ,Olaf, kannst du dir vorstellen, heute von Anfang an zu spielen?’ Ich sagte: ,Ja, dafür bin ich ja hier.’

Und so spielten Sie gegen England.

Die waren sehr stark, der beste Gegner im Turnier, eine tolle und homogene Mannschaft mit Peter Shilton im Tor. Er war schon 40 Jahre alt, Vor allem in der zweiten Halbzeit waren sie drauf und dran, uns zu schlagen.

Star der Engländer war ihr Spielmacher Paul Gascoigne. Spielten die Engländer unter ihm nicht eher unenglisch?

Man vergisst in 30 Jahren viel, ich erinnere mich jedoch, dass sie schon ihr traditionelles Kick and Rush spielten, hervorragende Einzelspieler hatten, dazu die klassischen kämpferischen Tugenden. Sie waren jedenfalls schwer zu bespielen und konnten wie wir auch am Ende des Turniers noch auf viele Spieler zurückgreifen.

Waren die Elfmeterschützen schon vorher festgelegt? Oder wurde spontan entschieden?

Klar war, dass Lothar Matthäus als Kapitän und Andy Brehme schießen. Ich wusste, ich müsste mich empfehlen fürs Finale, bin schnell nach links zur Trainerbank gelaufen und habe gesagt: ,Ich schieße, wenn gewünscht.’ Ich war dann der fünfte Schütze, kam aber als vierter dran.

Hatten Sie einen Plan, wie Sie schießen würden?

Ja, ich hatte mir Elfmeter auf Peter Shilton zuvor angesehen. Er ist immer erst gesprungen, wenn der Ball im Netz war – so habe ich es mir eingeredet. Im Ernst: Seine Taktik war, lange zu stehen und zu lauern, ob einer in die Mitte schießt. Aus der Perspektive des Schützen sind die Elfmeter die besten, die mit dem Innenspann mit 80, 90 Prozent geschossen werden. Mein Elfer war platziert, Shilton hechtete in die Ecke, in die ich schoss. kam aber nicht mehr hin.

Das klingt alles sehr cool, logisch und kontrolliert. Waren Sie nicht nervös?

Das war ich trotzdem.

Die Engländer fingen an. Nach drei Durchgängen stand es 3:3, jeder hatte getroffen. Dann scheiterte Stuart Pearce an Bodo Illgner, Sie trafen, Chris Waddle schoss drüber – das war’s.

Diese Schüsse der Engländer habe ich gerne gesehen. Sie zeigen auch, wie wenig zwischen Ausscheiden und Erreichen eines WM-Finales liegt. Elfmeter zu schießen kann auch für gute Fußballer schwer sein.

Wer wäre nach Ihnen drangekommen, wenn es nötig gewesen wäre?

Thomas Berthold. Ihn haben wir geschont.

Ist Ihnen bewusst, dass Sie mit Ihrem Treffer in Turin den Mythos mitbegründet haben, dass England ein Elfmeterschießen immer verliert und die Deutschen es immer gewinnen?

In meiner Erinnerung ist es so, dass ich das Elfmeterschießen als unser psychologisches Glück angesehen habe, weil es hieß, dass wir das sowieso gewinnen. Ich hatte es so im Kopf. Und es gibt ja diesen Spruch von Gary Lineker: ,Fußball ist ein einfaches Spiel. 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen immer die Deutschen.“

Er sagte es übrigens tatsächlich in der Nacht von Turin . . . Sie hatten Ihre Mannschaft ins WM-Finale geschossen. Spielen durften Sie das allerdings nicht. Wie hat Franz Beckenbauer Ihnen das beigebracht?

Nach dem Training gab es eine Sitzung mit den Mittelfeldspielern: Uwe Bein, Thomas Häßler, Pierre Littbarski und mir. Der Teamchef sagte: ,Ihr seid alle gleich stark. Der Thomas hat uns mit seinem Tor gegen Wales in der Qualifikation überhaupt erst zur WM gebracht, und der Litti ist wieder gesund. Die beiden spielen.’ Ich brauchte ein, eineinhalb Stunden, um das zu akzeptieren. Dann habe ich mir gesagt: Ich habe als Finale eben mein Halbfinale gespielt. Wir wurden Weltmeister, und es war eine schöne Feier bis sechs Uhr morgens.

Werden Sie auf den Elfmeter noch angesprochen?

Immer wieder. Ich habe noch einen geschossen, an den die Leute sich erinnern: 1997 für Schalke im UEFA-Cup gegen Inter Mailand. Die beiden wichtigsten waren also drin. Ich hoffe, sie bleiben den Menschen im Gedächtnis. Ansonsten werfe ich gerne meinen Hut in den Ring und berichte von ihnen.

Interview: Günter Klein

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