Eine Meisterschaft für den FC Bayern ist ja inzwischen ähnlich überraschend wie eine satte CSU-Mehrheit im Freistaat. Ziiiiemlich laaaangweilig! Aber ein Meistertitel für die Bayern-Amateure in Liga drei, das ist nun doch etwas Besonderes, so etwas gab es nicht mal unter dem legendären „Tiger“ Gerland. Jetzt aber stehen sie dicht davor und man überschlägt sich mit Lobeshymnen auf die grandiose Nachwuchsarbeit, die nun am neuen, mehr als 70 Millionen teuren Bayern-Campus im Münchner Norden geleistet wird, nachdem zuletzt schon manche gemäkelt hatten, es sei doch fast blamabel, dass es seit David Alaba keiner mehr aus der eigenen Jugend zu den Profis des Rekordmeisters geschafft hat. Und nun?
Nun tummeln sich dort fast schon Legionen an Talenten, denen in Kürze der große Sprung zugetraut wird. Wirklich stark, wie am Campus gearbeitet wird. Da hat sich, ohne Zweifel, viel entwickelt in den letzten drei Jahren.
Doch irgendetwas hindert uns, den aktuellen Erfolg der hervorragenden Ausbildung der Bayern zuzuschreiben. Irgendwie hatten wir unter Nachwuchsarbeit immer ein bisschen mehr verstanden, als der Konkurrenz im großen Stil für viel Geld ihre Toptalente abzuluchsen. Dabei leisten doch die Bayern selbst gute Arbeit, Früchtl, Mai, vor allem Stiller, Tillman, zum Teil auch noch Batista Meier und Zirkzee, alle schon nahe am Profiteam, sind dort geformt worden. Nimmt man aber zumindest dem größten Teil der eigenen Leute nicht die Perspektive, wenn, sobald es ernst wird, der Ausbildung anderer Clubs wie RB Leipzig, dem HSV, dem VfB Stuttgart oder Hoffenheim mehr vertraut wird als der eigenen und man sich lieber dort bedient?
Zuletzt waren es Cuisance, Musiala, Singh, Richards, Dajaku, Arp, Jeong, für die neue Saison sind schon Frankreichs Überflieger Tanguy Kouassi sowie die Hoffenheimer Nachwuchskräfte Mamin Sanyang und Armindo Sieb verpflichtet, alle 17, 18 und am Ende ihrer fußballerischen Ausbildung. Erinnert fast an Hamsterkäufe wie zu Beginn der Corona-Krise. Wirklich schade, dass eine Mannschaft nur elf Mann einsetzen und bald auch wieder nur drei einwechseln kann. So werden wieder viele tolle Fußballer, die über Jahre am Campus eine gute Schule durchlaufen haben, auf der Strecke bleiben. Und wir fragen uns: Ist der aktuelle Erfolg der Bayern-Amateure nicht eher ein Erfolg des Scoutings und der Finanzkraft sowie ein Erfolg einer Vereinsführung, die den FC Bayern zur Topadresse für Toptalente gemacht hat?
Wer sagt schon nein, wenn Bayern anklopft? Kaum ein 18-Jähriger, auch wenn es einige gibt, die es später bereuen. Sinan Kurt, zum Beispiel. Unter großem medialen Getöse 2014 aus Gladbach zum FC Bayern gelotst, spielte er zuletzt in Österreichs zweiter Liga, mit 24 ist er vereinslos. Auch für Mitchell Weiser, mit 18 aus Köln gekommen, war die Bayernzeit eher lehr- als erfolgreich. Nie aber wurden derart viele auswärtige Nachwuchskräfte geholt wie unter dem bisherigen Sportdirektor und jetzigen Sportvorstand Salihamidzic. Und weil sich vorerst nur Alphonso Davies bei den Profis durchgesetzt hat, werden sie halt erst einmal bei den Amateuren geparkt.
Und mischen nun die 3. Liga auf. Es macht Spaß, ihnen zuzuschauen. Noch immer aber wehren wir uns, das als Erfolg der guten Bayern-Schule am neuen Campus zu werten. Von den 13 U23-Spielern, die zuletzt gegen Duisburg eingesetzt wurden, sind gerade mal fünf länger als zwei Jahre bei den Bayern, fünf höchstens ein Jahr. Wenn man so will, könnte man das glatt als Misstrauensvotum gegen die eigene Nachwuchsabteilung auslegen. Der als Trost bleibt, dass sich viele ihrer Schüler bei anderen Clubs durchsetzen. Während der eigene lieber auf Toptalente von Chelsea, Ajax, Leipzig, Hamburg, Stuttgart und Hoffenheim setzt. Sind die wirklich so viel besser?
Der aktuelle Erfolg am Bayern-Campus ist auch ein Resultat der Finanzkraft und der Talentsichtung.