München – Mit dem Schmerz kam die Erkenntnis. Bei Sebastian Kienle war es das Wissen, dass auch ein Eisenmann sein Schicksal nicht immer selbst in den Händen hält. Weil ein Autofahrer vor ihm abrupt bremste, war der Ausnahme-Triathlet mit seinem Fahrrad ins Straucheln gekommen. Nicht auf einer der rasanten Abfahrten, die er in seinem Höhentrainingslager in der Schweiz reihenweise heruntergejagt war. Auf einem schnöden Flachstück vor einer Baustelle, bei fast schon gemächlichem Tempo war der 36-Jährige auf den Asphalt gekracht.
Einen Schlüsselbeinbruch hat sich Kienle dabei zugezogen. Er nahm die Sache vergleichsweise leicht. „Natürlich ist es bitter, weil ich auf einem guten Weg war. Aber ich bin 100 000 Kilometer ohne Verletzung gefahren, irgendwann hat es einmal passieren müssen“, sagte er, „und einen besseren Zeitpunkt als eine Zeit ohne Wettkämpfe gibt es doch nicht.“
Es wird sein Übriges getan haben, dass die Versorgung optimal verlief. Im nahe gelegenen St. Moritz hatte er Zugriff auf eine Vielzahl an Kliniken. Und es wirkte auf den Mann aus Mühlacker so, als wären die dort beschäftigten Chirurgen inmitten der Corona-Krise „fast schon dankbar für einen Fall wie meinen“. Zweieinhalb Stunden nach dem Unfall lag Kienle unter dem Messer. Man setzte ihm eine Platte in die lädierte Schulter, die auch schwere Belastungen aushalten soll. Zwei Tage später übte er schon wieder auf dem Hometrainer. Auch der reibungslosen Versorgung wegen, darf der Ironman-Weltmeister darauf hoffen, schon in wenigen Wochen in den normalen Betrieb zurückzukehren.
Aber was ist schon normal in diesen Zeiten? Die größten Ironman-Veranstaltungen des Jahres sind geplatzt. Die EM in Frankfurt wurde abgesagt, die WM auf Hawaii vorerst auf Februar vertagt. Einzig Hamburg steht am 6. September noch im Kalender. Das wird nicht so bleiben, glaubt Kienle, „wenn Frankfurt nicht stattfinden kann, dann wird Hamburg auch nicht funktionieren“. Auch die angedachte Konzentration auf ein Profifeld ist wohl keine Option. Auch Ironman-Wettbewerbe finanzieren sich im Wesentlichen durch die Öffnung für Amateure.
Ob die Absage der Jahres-Highlights richtig ist, daran hat Kienle leise Zweifel. Für die Wettkämpfer selbst ist bei einer Freiluftsportart wie dem Triathlon Distanz leicht herzustellen. Bei den Zuschauern sieht die Sache anders aus. „Natürlich kann man die beim Triathlon nicht so regulieren wie beim Basketball oder Tischtennis“, sagte er, „aber wenn man sieht, was am Mainufer jetzt an einem normalen Tag los ist, dann fragt man sich schon, ob der Unterschied noch so groß ist.“
Doch letztlich steht wohl selbst hinter dem vertagten Highlight auf Hawaii ein dickes Fragezeichen. In den USA breitet sich das Corona-virus weiter rasant aus. Dass die Lage bis zum Jahresbeginn unter Kontrolle ist, darauf will sich auch Kienle noch längst nicht verlassen: „Ich sehe das noch nicht.“
Wobei die Vertagung seit dem Trainingssturz natürlich speziell ihm in die Karten spielt. Noch kann man nicht absehen, wie weit ihn die Verletzung zurückgeworfen hat. Vor allem auf seine ohnehin schwächste Teildisziplin Schwimmen könnte sich der Schlüsselbeinbruch nachteilig auswirken. „Was bitter wäre, weil ich zuletzt auf einem sehr guten Weg war“, sagte er. Doch durch die Verlegung gewinnt er wertvolle Zeit. „Normalerweise darf die Verletzung im Februar keine Rolle mehr spielen“, betonte er.
Und dann hätte er natürlich nichts dagegen, wenn es mit dem Showdown von Kona klappt. „Denn dann kann ich zweimal im Jahr Weltmeister werden“, sagte er. Das Selbstvertrauen immerhin hat durch den Sturz nicht gelitten.