Im Frühjahr wurden viele Sportveranstaltungen abgesagt. Oder halt – hieß es nicht, sie wurden verschoben? Es ist nämlich ein gewaltiger Unterschied. Erklärt an einem Beispiel: Die Deutsche Eishockey Liga erklärte im März ihre Saison abrupt für beendet, weil sie keine Möglichkeit sah, sie in einer Jahreszeit noch zu Ende zu bringen, die damit in Verbindung steht. Die National Hockey League (NHL) drüben in Amerika unterbrach ihre Saison um die gleiche Zeit herum, will sie ab 1. August aber fortführen. Einerseits eine tolle Sache – jedoch wirkt sich das auf die nächste Saison aus, die im Oktober starten soll. Gehen also zwei Spielzeiten ineinander über?
Der professionelle Wettkampfsport steht nach dem Umgang mit dem Coronavirus vor einer zweiten massiven Herausforderung: der Bewältigung eines Programms, für das es mehr Zeit bräuchte als die veranschlagte. Es stimmt zwar, dass die Hochleistungssportler im März, April, Mai durch die nicht einkalkulierte Pause mal zur Ruhe kamen – doch man kann sich eben nicht auf Vorrat erholen. Es wird ihnen noch mehr abverlangt werden. Die Fußballer werden keine Winterpause haben und am 2. Januar ihr erstes Spiel 2021 haben. Zwischen September und November werden acht Länderspiele untergebracht. Sechs Termine gehen auf die UEFA und ihre Nations League zurück, die ein zwar unnützer, aber offizieller Wettbewerb ist. Muss dann aber der DFB gewaltsam noch zwei Freundschaftsspiele hineinquetschen in den Spielplan? Klar, der Verband braucht auch Einnahmen, er verdient Geld an diesen Partien – doch ihm sollte bewusst sein, dass er mit solchen Spielen zur Überlastung beiträgt. Der der Spieler – und auch der Sportkonsumenten.
Es wird zu einem Verdrängungskampf der Sportarten kommen. Fußball macht sich auch in einer Zeit breit, die er sonst den kleinen Geschwistern wie Eishockey und Handball überlassen hat, die es durch Corona schon schwerer haben. Ergibt ein Skiweltcupauftakt im Oktober noch einen Sinn, wenn er mit Tennisturnieren und Radrundfahrten kollidiert? Werden wir den wochenendlangen TV-Livestrecken aus Loipen und Eiskanälen noch etwas abgewinnen können? Und im Sommer noch Kraft haben für Fußball-EM und Olympia? Und überhaupt: Wird es Sport sein, wie wir ihn kennen und haben wollen, mit Interaktion von den Rängen oder doch (Halb-) Geisterevents? Es droht eine Überdosis Freudlosigkeit.
Guenter.Klein@ovb.net