„Wir sollten den Fußball neu justieren“

von Redaktion

Claudia Neumann über Vorurteile, Rassismus – und Chancen, die Corona mit sich bringt

München – Die Frauen sind zurück am Mikro: Stephanie Baczyk (33) kommentierte am Wochenende das Pokalfinale der Frauen in der ARD, Claudia Neumann (56) ist an diesem Samstag (18.15 Uhr) in der Zweitligarelegation für das ZDF im Einsatz. Vor ihrem ersten Live-Kommentar nach Corona spricht Neumann über positive Auswirkungen der Situation auf den Fußball, über Rassismus – und die Akzeptanz von Frauen in Sportmedien.

Frau Neumann, am vergangenen Samstag hat Frau Baczyk das Pokalfinale der Frauen kommentiert. Tauschen Sie sich ab und zu aus?

Als sie anfing, 2015 bei der Frauen-Weltmeisterschaft, da haben wir uns kennengelernt und uns ausgetauscht. Man trifft sich hin und wieder im Stadion oder schreibt sich eine WhatsApp.

Zumindest vor der Kamera sind immer mehr Frauen zu sehen. Woran liegt das?

Vielleicht an dem Fortschreiten unserer Gesellschaft. Frauen spielen heutzutage häufiger Fußball. Wenn man sieht, wie traditionell die Rolle der Frau vor 50 Jahren behaftet war, tut sich ja einiges. Im Fußball dauert es eben einen Tick länger. Wenn Sie darauf anspielen, dass die auch noch alle toll aussehen, ist das ja kein Nachteil. Fernsehen ist nun mal ein visuelles Medium.

Nach Ihrem Einsatz bei der Männer-EM 2016 waren Sie Beleidigungen und Hass ausgesetzt. Ist für manche Fans das Problem die Frau als Sportjournalistin oder als Kommentatorin?

Insgesamt sind Frauen im Sport absolut etabliert, im Fußball an gewissen Stellen auch. Dass sich trotzdem hin und wieder jemand lustig macht, kann man nie ausschließen. Damals war es das Neue, ein Männerturnier live zu kommentieren, da reagieren viele Menschen erst mal verunsichert. Das hat auch etwas mit Aufgeschlossenheit zu tun. Ich weiß nicht, ob ich es noch erleben werde, aber irgendwann wird es anders sein.

Auch Rassismus ist ein Problem. Eine dänische Studie hat herausgefunden, dass Kommentatoren in den Top-Ligen oft unbewusst rassistisch sind. Schwarze werden eher auf die Physis reduziert, Weißen wird eher ein intelligenter Pass zugetraut. Was sagen Sie dazu?

Das habe ich auch gelesen. Ich bin schon ein wenig verwundert. Das können ja nur spontane Reflexe sein. Und wenn das so ist, dann müssen wir uns alle hinterfragen. Ich kann mir vorstellen, dass das Sorglosigkeit ist und kein bewusster Umgang mit Sprache. Dass man einem Weißen einen intelligenten Pass eher zuschreibt als einem Dunkelhäutigen, das kann ich mir fast gar nicht vorstellen. Ich hoffe, dass mir das nie passiert ist. Aber wir müssen alle, nicht nur Kommentatoren, sorgfältiger mit der Sprache umgehen. Es gibt Wortgebilde, die vor 20 Jahren noch gang und gäbe waren. Die sagt man nicht mehr. Da lernen wir gerade alle dazu.

Was können wir denn von der Corona-Zeit lernen?

Der Fußball ist ins Blickfeld gerückt, weil man ihn plötzlich mit systemrelevanten Branchen verglichen hat. Ich war trotz der Faszination zerrissen, ob es das richtige Signal ist, wieder mit dem Fußball zu beginnen. Ich finde, was da von den organisierten Fans, aber auch von normalen Bürgern eingebracht wurde, sollten wir nutzen, um über den Fußball, wie wir ihn wollen, nachzudenken. Die Zeit hat uns gezeigt, wie abgehoben der Fußball von anderen Dingen ist, und ich würde mir wünschen, dass wir gemeinsam eine Justierung vornehmen.

Wie soll das funktionieren?

Indem wir Medien unsere Rolle hinterfragen und nicht alles so hypen. Ich will mich gar nicht am Geld aufhängen, eher eine Wertediskussion aufmachen: Wofür steht der Fußball auch? Unabhängig von den Gehältern sollte er einfach näher an die Gesellschaft heranrücken. Nichts hat eine solche Strahlkraft wie der Fußball. Wenn alles wieder im Lot ist, vergessen viele ihre besten Vorsätze. Das finde ich sehr betrüblich.

Interview: Julian Nett

zum Buch

Shitstorms in den sozialen Medien gehörten für Claudia Neumann bei ihrer Premiere als Kommentatorin bei der Männer-Fußball-EM 2016 zum Alltag. Unverhofft wurde sie zur Vorreiterin für das weibliche Geschlecht in einer Männerdomäne. Im Frühjahr erschien ihr Buch „Hat die überhaupt ‘ne Erlaubnis, sich außerhalb der Küche aufzuhalten?“, in dem sie ihre Liebe zum Fußball beschreibt und ihre Erfahrungen verarbeitet. – HarperCollins-Verlag, 16 Euro.

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